Helge Schneider, 47, unterhält sein Publikum mit einer Kunstform, die er "Musik und Quatsch" nennt. Schon wenige Jahre nach seiner Geburt in Mülheim an der Ruhr beschloss er, Clown zu werden. Nach einem Klavierstudium am Duisburger Konservatorium versuchte sich Schneider unter anderem als Bauzeichner, Verkäufer bei Neckermann, Tierpfleger und Landschaftsgärtner; nebenbei begann er als Organist, Sänger und Komiker durch die westfälische Provinz zu tingeln. 1994 landete er mit dem dadaistischen Schlager "Katzeklo" einen seiner größten – und unbegreiflichsten – Hits. Kürzlich erschien sein neues Album unter dem Titel "Out Of Kactus". Helge Schneiders erstes Theaterstück wird am 17. April am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt: "Wendy – das Wusical". Hier träumt er von einer langen Motorradtour. Und von Harmonie zwischen seinen Freunden

Als kleiner Junge habe ich immer von einem grünen Auto geträumt. Es fuhr so, Berg und Tal, über meine Bettdecke, als ich im Bett meiner Eltern lag, ich glaube, ich war so klein, dass ich noch nicht laufen konnte. Das Auto aus Blech fuhr dann im Traum immer über mich weg. Glaub ich. So ein Auto wollte ich immer haben, aber Spielzeugautos hatten wir nicht. Kein Geld vielleicht? So bastelte ich mir selbst ein Auto aus einer Pappschachtel, aus der Papphülle einer Fischdose, Heringsfilet mit Tomatenmark.

Ein anderer Traum, ein Eindruck, den ich als Kind immer hatte, war: Ein Dackel bellt mir ins Ohr. Später hatten wir einen Dackel, Terry. Tiere fand ich immer gut. Ich träumte davon, Förster zu werden. Schon ganz früh dachte ich daran. Ich hatte gehört, dass man als Förster Abitur haben muss. Leider ist ja dann daraus nix geworden.

Ich hatte auch schon als Kleinkind den Traum, vor vielen Menschen Quatsch zu machen. Und auch Musik. Zum Klavierspielen kam ich durch meine drei Jahre ältere Schwester Marliese. Ich wollte aber schon sehr früh beides machen: Quatsch und Musik. Ein Buch, das meine Eltern hatten, die Memoiren des größten aller Clowns, Grock, war so ’ne Art Vermächtnis für mich. Ich las es bestimmt 500-mal und bestaunte die vielen Fotos darin. Ich konnte alle seine Fratzen nachahmen. Er schnitt für sein Leben gern Fratzen.

Eigentlich war es schon damals meine Überzeugung, dass ich ein Clown bin und Leute zum Lachen bringen muss. Ich habe als Kind auch davon geträumt, Opa zu sein. Weil ich Opas total lustig fand. Ich habe mich auch schon immer gern verkleidet, aber nur mit selbst gebastelten Kostümen. So gekaufte Kostüme als Teufel oder Katze oder so fand ich total scheiße, viel zu langweilig. Aus einem alten Tennisball mit Gummiband hab ich eine Clownsnase gebastelt. Dann hab ich einen alten Schlafanzug von meinem Vater angezogen und ein Kissen reingesteckt. Und einen Spazierstock dazu. Ich wollte lustig sein. Mein jüngster Sohn, Henry, ist genauso. Der setzt sich einen Topf auf den Kopf, läuft damit in der Gegend rum und haut mit dem Löffel drauf. Er hat einen bemerkenswerten Freiheitsdrang, will sich immer losreißen, alles selbst machen. Wie ich früher. Und mein Vater auch. Sind wohl die Gene, da kann man nix machen.

Wenn ich heute mal träume, dann vergesse ich meistens den Traum. Ich wollte mir manchmal so einen Traum aufschreiben, aber es ist mir noch nicht gelungen. Meine Wunschträume sind sehr pflegeleicht, kosten eigentlich auch nix. Gesundheit, langes Leben, viel Quatsch und so weiter.

Ich habe mehrere Autos, für die Tourneen einen Lkw und einen Van, privat ein altes Cabrio, nee, zwei, einen alten Peugeot, so einen, wie ihn Peter Falk als Columbo im Fernsehen fährt, und einen Triumph. Aber den habe ich verliehen. Weil in meiner Garage nicht genug Platz ist. Dann habe ich mehrere Motorräder, alte und neue. Ich fahre gern Motorrad, da entspanne ich ein wenig. Mein erstes Auto war ein Motorrad mit Beiwagen. In den Siebzigern habe ich damit lange Reisen gemacht. Klasse war das. Zu dritt immer. Zu dritt fahren ist verrückt, beim Motorradfahren muss immer mindestens einer zum Angst haben dabei sein. Zwei sind besser. Außerdem muss man an der Ampel nicht die Füße auf den Boden stellen, und man kann im Beiwagen schlafen. Ist nur etwas eng. Damals war noch nicht so viel Verkehr. Heute muss man viel vorsichtiger fahren, auch ist der Verkehr sehr viel schneller geworden.

Ich würde gern mal wieder eine lange Motorradtour machen. Das ist ein Traum im Moment. Aber das ist zurzeit nicht wirklich möglich, da ich einen ganz kleinen Sohn habe, und den kann ich nicht einfach auf den Tank schnallen oder so. Das Motorradfahren ist allein wegen der Gerüche, die man so wahrnimmt in der freien Natur, ein Erlebnis. Weiden, Felder, Wald, Seeluft. Das macht den Kopf frei, die Gedanken haben Freilauf.

Im Laufe meines Lebens habe ich schon sehr viele Leute kennen gelernt. Etliche davon sind mir ans Herz gewachsen, seien es die Frauen, mit denen ich mal verbunden war, oder Musiker – Kollegen, aber auch andere Leute. Leute, die Freunde sind. Ich kenne also viele verschiedene Leute, und manchmal stelle ich fest, dass die ganzen Leute untereinander sich ja gar nicht kennen. Oder sich auch gar nicht nett finden vielleicht. Ich fände es schön, wenn sich alle mögen würden. Ich möchte alle meine Leute auf dem richtigen Weg wissen. Mein Traum ist, mit all denen in einer Siedlung zusammenzuleben. Wo man kurz beim Nachbarn klingelt und sagt, "Sach mal, kannst du mal kurz auf den Henry Acht geben?" Nachbarschaft eben.

Ich fände es schön, wenn sich viel mehr Menschen respektieren und verstehen würden, egal, was sie machen. Oder an was sie glauben, zum Beispiel. Ich bin ein Mensch, der Harmonie braucht. Und dazu stehe ich auch. Es gibt Leute, die das nicht gut finden. Aber das ist mir egal. Harmonie hat mit Vertrauen und Liebe zu tun. Und mit Stärke.

Starke Menschen müssen keinen Krieg führen, das tun die Schwachen, die nicht zusammen reden können, die nicht über ihren Schatten springen können. Natürlich ist es schwer, immer stark zu sein. Aber im Laufe eines Lebens hat man jede Menge Möglichkeiten, dazuzulernen und stärker zu werden.

Das fängt zu Hause an. Man sollte auch die Nachbarschaft pflegen. Es ist wichtig, sich da, wo man wohnt, wohl zu fühlen.

Ich bin gern nett zu den Nachbarn, und meistens sind die dann auch nett. Es wäre ein schöner Traum, wenn jeder nett zu seinen Nachbarn wäre. Man kann sich verstehen und respektieren, ohne dass man sich näher kennt. Ich sehe zum Beispiel gern, wenn mein Nachbar um 6.30 Uhr seine Fußmatte an der Laterne ausklopft und dabei ein Lied singt. Normalerweise müsste man sauer sein, weil der einen ja geweckt hat. Aber der weiß das ja nicht. Also, was soll’s. Man muss sich vertragen. Dem anderen auch helfen, stark zu sein. Wenn du Kinder hast, musst du ihnen das beibringen. Geradezustehen. Nicht sofort umzufallen, wenn mal was nicht gelingt. Tja, und so ist es im Leben, Gewalt ist eine Sache der Schwachen, die sich nicht anders zu helfen wissen; manche Leute wissen das zwar, handeln aber trotzdem mit Gewalt, wie wir zurzeit wieder erfahren. Aber so wird das nix.

AUFGEZEICHNET VON JÖRG BÖCKEM