Delfinen fällt es sehr leicht, sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Sie lächeln einfach immer, die Biester. Können gar nicht anders. Natürlich haben sie keine Ahnung, dass dort, wo sich bei ihnen der Körper zur Schnauze spitzt, wir Menschen sofort einen echten Gesichtsausdruck erkennen. "Erkennen" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber wir Menschen können ja auch nicht anders. Sehen wir einen Delfin an, sehen wir ihn lächeln. Basta.

Vielleicht würden Delfine ja gar nicht lächeln, wenn sie wüssten, wie wir auf ihre naturgegebene Niedlichkeit reagieren. Denn so wie es steht, haben sie vor allem Ärger damit. In Valencias Oceanogràfic jedenfalls, Europas neuer großer Aquariumsattraktion, hat ihr gewinnendes Wesen ihnen wieder einmal den Showteil eingebrockt. Während die übrigen Spezies in ihren Becken gemächlich Bahnen ziehen können, wie es ihnen passt, müssen Rocky und Damme – sowie vier weitere Artgenossen in Ausbildung – nach der Pfeife tanzen, mindestens viermal am Tag, vor vollen Rängen. Ball apportieren, Luftsprünge machen, Ringe ums Maul kreisen lassen, Trainerinnen anmutig aus dem Wasser heben. Und so weiter. Dazu bläst Musik aus den Boxen des Delfinariums, als ginge es darum, einem Dutzend müder Go-go-Girls Beine zu machen. Eine angespitzte Animateurenstimme begleitet den Dressurakt und fordert dem Publikum regelmäßig Applaus ab. Die Delfine nehmen ihn dankbar entgegen. Oder etwa nicht? Wo sie doch so glücklich lächeln…

42 Millionen Liter Salzwasser, mehr als 45000 Fische

Seit Mitte Februar treten Rocky und Damme in Valencia auf. Vorher waren sie in Madrid als Showdelfine tätig. Von der Hauptstadt in die Provinzhauptstadt – man muss das als Aufstieg verstehen, denn in Valencia hat mit dem Oceanogràfic gerade Europas größter Aquariumspark eröffnet. 42 Millionen Liter Salzwasser; 500 Spezies; mehr als 45000 Fische; 80000 Quadratmeter Gelände. So weit die aktuellen Superlative. Abgesehen von seiner Einzigartigkeit, ist das Oceanogràfic der jüngste Anbau an die so genannte Stadt der Künste und der Wissenschaften, einen Museums- und Spektakelkomplex, der seit den neunziger Jahren zwischen Valencias Zentrum und dem Hafen im ehemaligen Flussbett des Turia erbaut wird und vor allem mit Santiago Calatravas ausgreifender Gräten-Architektur angeben kann. Für die deutlich bescheidener dimensionierten Pavillons des Oceanogràfic (dessen Attraktionen hauptsächlich unter der Erde liegen) wurden Pläne des 1997 verstorbenen Félix Candela verwandt. Seine "hyperbolischen Parabeln" sind, schlicht gesagt, moderne Muschelhäuser und insofern durchaus angemessen platziert.

In den Aquarien selbst hat man auf Muscheln verzichten müssen. Denn die brauchen zum Leben gerade das, was den Besuchern des Parks nicht zuzumuten ist – trübes Wasser. Je trüber die Brühe, desto nahrhafter. Der zahlende Gast (20 Euro Eintritt!) hat‘s dagegen gern kristallklar. Deshalb ist die einzige Muschelbank des Oceanogràfic, kunstvoll hingewuchert an ein Stück Unterwasser-Landungsbrückenkulisse, aus Plastik gefertigt. Plastik macht keinen Dreck und braucht keinen Dreck. Ganz ähnlich steht es mit den Korallenbänken. Fast alles fake. Aber gute Arbeit. Sieht fast so aus, als fielen sogar die Fische darauf herein, weil sie ständig mit ihren Mäulern die Kunstkorallen absuchen. Aber sie finden tatsächlich Essbares, denn auf den falschen Korallen haben mittlerweile echte Algen festgemacht.

Rund um die Korallenbänke sind eine Menge Fische unterwegs, die man nie für eine Show casten würde, selbst wenn ihnen spielend ein Salto mehr gelänge als den Delfinen. Der Piratenfisch blickt einfach zu griesgrämig, der langnasige Schmetterlingsfisch wirkt abgehärmt und leidend, der Red-banded Seabream tut permanent entrüstet. Wären sie nicht so schön gemustert und gefärbt, wir würden möglicherweise einfach an ihnen vorbeisehen. Anders verhält es sich beim Hai. Der ist weder anmutig geschuppt, noch macht er ein nettes Gesicht, und doch steht er immer wieder im Mittelpunkt. Die schneidenden Zähne, der scharfe Blick – man möchte schwören, er sei wirklich ständig auf der Jagd nach Beute. Und im Oceanogràfic schwimmt davon reichlich um ihn herum, teilt, wie draußen im Meer, denselben Lebensraum, ist oft sogar zum Schnappen nah.

Dass es dennoch nicht (besser gesagt: kaum) zu Übergriffen kommt, hat mit geregelten Mahlzeiten an der Grenze zur Überfütterung zu tun. Alle zwei Tage werden die 30 Haie des Parks gesondert versorgt, mal mit Heringen, mal mit Tintenfisch, mal mit Seehecht, je zwei Kilo pro Exemplar und Mahlzeit. Die Haie haben sich schnell an die bequeme Form der Fütterung gewöhnt. "Es ist ein wenig wie an der Bushaltestelle", sagt Eduardo Nogués, der technische Direktor des Parks. "Es geht sehr geordnet zu und streng nach Hierarchie: Der Größte frisst zuerst." Den Organisator Nogués fasziniert dieser Ablauf. Auch der angestellte Biologe Javier León ist damit zufrieden. Dennoch seufzt er: "Die Haie sind recht faul geworden." Glücklicherweise führt das im Becken noch nicht zu rufschädigender Trägheit. So übersättigt sie sein mögen, ihr Blick wirkt immer noch bedrohlich, das halb offene Maul trägt weiterhin die Reißzähne offen zur Schau. Und wenn sie in einem der zwei langen Aquariumstunnel elegant über den Besucher hinweggleiten, dann schauert auch unwillkürlich das Erhabene durch einen hindurch.

Es kann freilich vorkommen, dass dieser Schauer durch eine andere Art Naturgewalt beeinträchtigt wird: Kinder, meist in Schulklassenschwärmen durch die Anlage streifend und grundsätzlich spanisch aufgekratzt. Wenn es nicht zufällig einem Führer gelungen ist, sie vor einem Aquarium in Bann zu schlagen, dann liegt ihr Verständigungspegel beim gepflegten Gekreisch. Angesichts von Haien, Rochen, Moränen oder den Riesenkrabben aus dem japanischen Meer ("Wie eeeklig!") liegt er noch darüber. Mitunter können sie so reizend staunen, dass man selbst gleich wieder mitstaunt. Mitunter branden sie aber nur durch die kleine Andacht hindurch, zu der man sich gerade sammeln wollte, und lassen sie in Fetzen zurück.