Männer machen Geschichte? Frauen machen Männer. Margot Honecker, so weiß der Ostvolksglaube, sei Erichs böser Geist gewesen, Walter Ulbricht habe sein Treiben mit Gemahlin Lotte abgestimmt. In Wahrheit hielt sich die erste First Lady der DDR aus der Gattenpolitik heraus - mit einer bedeutenden Ausnahme.

Einst brütete W. U., wie die Handelsorganisation der DDR zu benennen wäre.

Frau Lotte entschied: Handelsorganisation, HO. Für ihren Film Lotte Ulbricht privat mühten sich Hans Sparschuh und Rainer Burmeister, im reichen Nachlass, in Archiven und Zeitzeugen-Kommentaren ein deutsches Leben aufzufinden, das mehrere Zeiten illustriert (15. April, 22.05 Uhr, mdr). Charlotte U., geborene Kühn, geboren am 19. April 1903. Ein Hilfsarbeiterkind aus Berlin-Rixdorf, durch den großen Bruder Bruno eingeführt in Klassenbewusstsein und Parteimoral. Jungfunktionärin. Sie reist zum Fixstern Sowjetunion, sie erlebt Lenin. 1935, als Emigrantin, begegnet sie auf einer Moskauer Eisbahn ihrer großen Liebe. 38 Jahre ist sie an Walter Ulbrichts Seite. Nach dem Tode Ulbrichts 1973 verfiel dessen Frau der kalten Witwenverbrennung. Honecker demontierte seinen Vorgänger. Lotte Ulbricht verschwand aus sämtlichen Medien der DDR. Sie habe sich in die Schweiz entfernt, so ein absichtsvoll gestreutes Gerücht. Die Schweiz hat Lotte Ulbricht nie gesehen. Sie wohnte in Berlin-Pankow, zurückgezogen, aber unbeirrbar glaubenstreu, auch nach der Wende. Journalisten ließ sie grundsätzlich nicht über ihre Schwelle. Auch diesem Film hätte sie schwerlich zugestimmt, obwohl dessen Autoren ihr keineswegs übel wollten. Sie nannte sich gern "nicht so wichtig". Lotte Ulbricht war keine Täterin der großen Politik, aber ein Gefäß von Zeitgeschichte. Das DDR-Aufbaupathos (inklusive seiner Komik) steht zwischen den mörderischen Monstrositäten des Hotel-Lux-Exils und Lotte Ulbrichts schlimmster Niederlage: Die Adoptivtochter Beate, zur sozialistischen Musterhaftigkeit erzogen, entglitt und wurde 1991 im Trinkermilieu erschlagen. Lotte Ulbricht ist uralt geworden. Sie starb am 22. März 2002. Statt an ihres Mannes Seite wünschte sie, anonym zu ruhen, in einer Wiese. Grabschänder hätte sie nicht mehr fürchten müssen. Die kleine Greisin, die sich im Rollstuhl durch den Bürgerpark fahren ließ, gehörte längst zur Ost-Folklore: Genossin Queen Mum aus Pankoff. Selten hat ein Mensch derart lange seine Epoche überdauert. In New York lebt noch die Witwe Tschiang Kai Cheks. Sie ist 106.