Washington

Am Weißen Haus ist jetzt Blütezeit. Drei Kübel roter Tulpen stehen vor dem Eingang des Westflügels, bewacht von einem Gardisten in blauer Paradeuniform, der nebenbei Besuchern formvollendet die Tür aufhält. Solchen Details kann man sich während des Wartens zuwenden. Denn Verzögerungen gibt es hier, sogar bei einem notorisch pünktlichen Präsidenten, wenn der sich Zeit nimmt für eine Delegation "freier Iraker". "Flüchtlinge" heißen solche Menschen andernorts.

Schließlich ist es so weit. Der Präsident hat genug von den Untaten Saddam Husseins gehört. Vor den Tulpenkübeln können nun die "freien Iraker" den Gastgeber preisen. "Das irakische Volk wird George Bush ewig dankbar sein", sagt einer der Gäste, ein Arzt. Und was ist mit den toten Zivilisten? "Sie sind die letzten Opfer Saddams." Wird eine amerikanische Besatzung akzeptiert werden? "Welche Besatzung? Ist doch eine Befreiung. Nur amerikanische Truppen können Garanten unserer künftigen Demokratie sein."

Schöner könnte es in keinem Drehbuch stehen. Wie immer im Weißen Haus vermischen sich Inszenierung und Realität. Aber Realität ist es eben auch. Von keinem Opfer Saddam Husseins wäre anderes zu erwarten. Auch George W. Bush ist mehr als nur ein Darsteller von Empathie. Wer ihm in diesen Tagen begegnet, berichtet von einem Mann, dessen Entschlossenheit seit Kriegsbeginn nur noch gewachsen ist. Schon vergleichen ihn Instant-Historiker mit dem legendären Präsidenten Franklin D. Roosevelt, den nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 der Tod jedes weiteren Soldaten darin bestärkte, nichts als die totale Niederlage Hitlers zu akzeptieren und nichts als die völlige Verwandlung Deutschlands in eine Demokratie.

Nun also im Irak die Demokratie. Wie es dazu kommen soll, erklärt ein paar Meter neben den Tulpenkübeln Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin. Sie steht, im Auftritt wie immer tadellos, im Briefing-Raum des Weißen Hauses und findet es "nur natürlich", dass diejenigen, "die ihr Leben und ihr Blut für die Befreiung des Iraks gegeben haben, nun eine Führungsrolle übernehmen". Und die Vereinten Nationen? "Daraus sollten wir keine theologische Frage machen." Folgt also auf einen Krieg im Alleingang eine Demokratisierung im Alleingang? Keineswegs. Die Kriegskoalition werde "in Partnerschaft mit internationalen Organisationen, einschließlich der UN" handeln. Nur sei der Irak eben nicht Osttimor ("ein neuer Staat"), nicht Afghanistan ("ein gescheiterter Staat"), nicht das sKosovo ("gar kein Staat"). Überall waren die Vereinten Nationen beim Aufbau demokratischer Strukturen entscheidend beteiligt. Der Irak aber, meint Rice, sei "einzigartig". Wahrscheinlich so "einzigartig", dass George Bushs politische Zukunft davon abhängen wird, ob Friede und Demokratie gelingen. Und sein eigenes Schicksal gibt niemand gern in die Hände anderer Leute. Letzteres sagt die Sicherheitsberaterin natürlich nicht. Jetzt hat sie "keine Zeit" mehr. Draußen auf der Wiese wartet der Hubschrauber. Der Präsident will erst nach Camp David, dann nach Nordirland.

Dem Blitzkrieg soll nun die Blitzdemokratisierung folgen

Dort taucht George Bushs Fernsehgesicht am Dienstag wieder auf, zusammen mit dem Tony Blairs und der überraschenden Verkündigung, dass die UN eine "zentrale Rolle" im Nachkriegs-Irak spielen sollen. Genau jene Formulierung wollte Tony Blair – und mit ihm Gerhard Schröder – immer hören. Die Vereinten Nationen – das ist das Pflaster auf die Wunden der "alten" Europäer. Und zugleich das Zauberwort, mit dem George Bush insbesondere das Verhältnis zu Deutschland verbessern will. Frankreich gilt in Washington vorerst als hoffnungsloser Fall, die Bundesrepublik nur als Freund auf Irrwegen – zurückzugewinnen beim Aufbau eines demokratischen Iraks.