Das Leben im toten Körper verwischt die Spuren. Einzellige Untermieter im Tier oder im Menschen tun sich nach dessen Ableben umgehend an den Innereien gütlich – Gase künden vom Wirken dieser Bakterien. Auch von außen kreucht und fleucht Getier heran. Fliegen legen Eier, Aasfresser zerkauen das Fleisch, Pilze wuchern: Das Körpermaterial Verstorbener kehrt in den Kreislauf des Lebendigen zurück. Nichts bleibt.

Fast nichts. Stimmen ein paar Bedingungen, erfährt die Nachwelt von der Existenz eines Lebewesens. Ein Ammonit, Vertreter eines heute ausgestorbenen Zweigs der Kopffüßler, wird vor 100 Millionen Jahren unmittelbar nach seinem Tod am Meeresgrund verschüttet. Zwar zersetzt sich das Fleisch, aber die hartteiligen Komponenten werden mineralisiert. Die Plattentektonik hebt die versteinerten Schalen mitsamt dem einstigen Meeresgrund in die Höhe. Später legt Erosion mithilfe von Wind und Wasser das Fossil frei. Es wird in Russland, den USA, Madagaskar oder deutschen Landen gefunden.

Bei meinem Freund David Krupinski steht seit vergangenem Donnerstag ein bierkistengroßer Ammonit im Wohnzimmer. Er hat sich den fossilen Gast aus der Zeit des Jura in den fünften Stock wuchten lassen.

Der entspreche exakt seinen gewachsenen ästhetischen Ansprüchen. Die spiralförmige Schale, behauptet David, passe zum Nierentisch, den Bildbänden im Regal, zur weißgetünchten Wand, zum 1-Liter-Flacon daneben, zur Blumenvase. Und da der Steinklumpen als hinduistisches Symbol für die Himmelsleiter gilt, hat David auch dem weltweit gefassten religiösen Spektrum seiner neuen Freundin eine Referenz erwiesen.

Dieser "Zeuge der Vergangenheit" verkörpere "unglaubliche Zeiträume". Auch einen Seestern, der vor 350 Millionen Jahren das Zeitliche segnete, hat David erstanden. Er führte mich weiter durch seine frisch gemietete Dachwohnung. Links neben Böll ein Gingko-Blatt, das 50 Millionen Jahre überdauert hat. Vom Ichthyosaurus stenopterygius, der 180 Millionen Jahre nach seinem Tod im Meer kürzlich bei Holzmaden unweit Stuttgart wieder ans Licht der Welt gezerrt worden ist, hat sich David nur ein Poster leisten können.

Jedes Stück ein Einzelstück, made by nature, hinter jedem Objekt stehe ein Leben aus den jungen Jahren der irdischen Fauna. Versucht David zu philosophieren, beginnt er umgehend zu nerven. Ich musste ja schon einmal dazu ein paar Zeilen verlieren: Das Heute, sagt David, sei ihm zu schnelllebig geworden. Er fühle sich gehetzt. Beruhigung verspricht ihm das fossile Kontrastprogramm in der eigenen Stube. Ich schaue mich um. Lustig hat die Zeit eine scheinbar krabbelnde Garnele im feinkörnigen Kalk festgehalten, ein Archaeopterix schlägt grad die Flügel über sich zusammen, und ein Stück Gesteinsplatte will erzählen, dass soeben ein tausendfüßlerähnlicher Arthropode vorbeigekrochen ist.

Und doch sind diese Kreaturen längst verstummt, sind ihre Spuren mindestens von vorgestern. Was, fragt nun David (still an einem aufgeploppten Flens nuckelnd), was strahlt an meinem Feierabend mehr Gelassenheit aus, als ein Gegenüber, das seit Jahrmillionen schweigt und ruht? Mein Blick streift achatisiertes Holz, zu einer Tischplatte geschliffen. "Kratz- und säurefest", sagt David. Und unter dem Fenster trägt ein bunter Sockel aus ebenfalls fossilem Holz eine gläserne Platte samt Leselampe. Das schmucke Material ist tot – so tot wie das Seepferdchen in der Mergelplatte, die neben dem Anrufbeantworter lose Zettel beschwert.