er Zwinger, die Gemäldegalerie, die Brühlsche Terrasse, das Grüne Gewölbe … Dresdens Pracht und Herrlichkeit lockten seit je Besucher aus ganz Europa an. Doch manchen Reisenden der Biedermeierzeit zog noch eine weitere Attraktion in die Elbestadt. Schon gleich im Hotel pflegte er sich danach zu erkundigen, wann denn der Hofrat Tieck wohl seinen nächsten Leseabend halten würde.

Diese Soireen waren eigentlich nicht öffentlich, sondern fanden in der Wohnung des berühmten Mannes statt, in einem Haus am Altmarkt. Der Dichter las die Dramen der Weltliteratur von Sophokles bis Schiller, am liebsten die Stücke des von ihm verehrten Shakespeare, Romeo und Julia oder den Sommernachtstraum. Die Zuhörer, Zuschauer waren begeistert von Tiecks Ein-Mann-Bühne. "Das beste Theater in Deutschland ist jetzt in Ihrem Zimmer, an Ihrem runden Tische, bei 2 Lichtern, das dritte ist noch zuviel", schrieb ihm der Schauspieler Pius Alexander Wolff. Franz Grillparzer konnte nach Tiecks Kaufmann von Venedig keinen Schlaf finden. "Der kleine Kerl mit seiner Vorlesung hatte mich ganz wirblicht gemacht." Und Johann Peter Eckermann hörte von ihm Goethes Clavigo wie "vom Theater herunter, allein besser".

Um Ludwig Tieck, den "König der Romantik", drehte sich am Dresdner Altmarkt das Karussell einer Epoche. Der Historiker und Schriftsteller Thomas Carlyle aus Edinburgh war dabei, Fürst Wassilij Andrejewitsch Schukowskij aus Sankt Petersburg, Hans Christian Andersen aus Kopenhagen, James Fenimore Cooper, der Dichter des Lederstrumpf, aus dem fernen Amerika, Jean Paul aus Bayreuth, Hegel aus Berlin sowie, aus der Dresdner Nachbarschaft, der Maler-Arzt Carl Gustav Carus und der Hofkapellmeister Carl Maria von Weber.

Tieck ermutigte die jungen deutschen Dichter, die Hauff, Grabbe und Wilhelm Müller. Die Dresdner Pseudoromantiker und Wasserpoeten vom Schlage eines Friedrich Kind – er schrieb das Libretto zu Webers Freischütz – und Theodor Hell nahten mit tiefen Kratzfüßen, mussten es sich aber dann gefallen lassen, von Tieck in der Märchengroteske Die Vogelscheuche lächerlich gemacht zu werden.

Dabei war der gepriesene Hausherr selber alles andere als eine apollinische Persönlichkeit. Er litt unter der Gicht und, seit frühen Tagen, unter einem schwankenden Selbstbewusstsein, das von den Unwägbarkeiten des Literaturmarktes, der "unbekannten Gottheit", herrührte. "Er sieht wenig wie ein Dichter aus." So mitleidlos hatte er selber einst einen verschüchterten Autor in seiner absurden Märchenkomödie Der gestiefelte Kater charakterisiert und damit wohl auch das eigene stets gefährdete Erscheinungsbild beschrieben.

Die Welt der Wörter war dem 1773 geborenen Spross eines Berliner Seilermeisters von Anfang an zum Schicksal geworden. Bereits im Alter von vier Jahren will er sie sich aus der Bibel und aus Goethes Götz zusammengesucht haben. Das Erzähltalent des Gymnasiasten wurde von zwei fabulierenden Lehrern entdeckt, die seine gewandte Feder für ihre anonym veröffentlichten Trivialromane in Dienst nahmen. Der junge Enthusiast stieß hier auf eine ganz neue Welt von Wundern, Bizarrerien, Schrecken, Seligkeiten und Geheimnissen. Er lernte aber auch, nach seinem eigenen Geständnis, "wie man Lichter und Schatten ausspart und wie manches nur leicht angedeutet werden muß, um die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen".