Das Lamm hängt in Mario Vettas Schaufenster, ein langer Rücken, der in einem Stummelschwänzchen ausläuft, ein blutiger Kopf mit leeren Augenhöhlen. Vorsichtig lösen Vettas kurze dicke Finger es vom Metzgerhaken. "Ganz zart", murmelt er. "Ein Milchlamm aus den Abruzzen." Eine Signora im schwarzen Kostüm, den Hals und die Ohren schwer mit Gold behängt, lässt sich eine Lammschulter auslösen. An der Via Alessandria in Rom blühen die Bäume. Ein Freitag in der quaresima . Fastenzeit.

"Ach ja", sagt Vetta. "Am ersten Freitag nach Aschermittwoch war mein Laden leer. Auch am Karfreitag werden sie auf Fleisch verzichten. Dazwischen…", er lächelt breit und lässt seine Arme eine unendlich lange Zeitspanne anzeigen, "dazwischen haben sie es wohl vergessen." Jawohl vergessen, bestätigt die Fischhändlerin Lucia auf der anderen Straßenseite. "Kein Gramm Fisch mehr haben wir in den Wochen vor Ostern verkauft. Nicht weil er zu teuer wäre, teuer ist er ja das ganze Jahr. Nein, in dieser Stadt leben einfach keine Katholiken mehr. Nur zu Karfreitag wollen sie alle Fisch. Goldbrassen, Seebarben und Garnelen. Und, natürlich, die kleinen Fische für die frittura."

Mit den Fischen in der Tasche gehen die Kunden dann rüber zu Metzger Vetta, Lamm oder Zicklein bestellen. Zwanzig junge Ziegen und vierzig Lämmer wird er verkaufen in seinem winzigen Laden, wird sie mit den Messern auf dem uralten Marmortisch akribisch zerkleinern, und seine Frau wird an der Kasse sitzen und viele Euro-Scheine annehmen. Am Samstagnachmittag schließen die Vettas. Dann ist Ostern. Und zu Ostern wird gefressen.

Ostern ist das Ende der katholischen Fastenzeit. Im italienischen Wort quaresima stecken die 40 Tage Dauer, aber von Enthaltsamkeit ist da nicht die Rede. "Fastan" wurde von den Ostgoten erfunden, es bedeutet ursprünglich bewachen, aber auch festhalten – an den Vorschriften der Kirche nämlich. Die spät christianisierten Germanen nahmen wie viele glühende Konvertiten alles furchtbar wörtlich. In Rom aber, wo sie für ihre alten Götter flugs neue Heilige fanden und den Handel mit Knochen und anderen Reliquien schnell zum Big Business ausbauten, fastete damals wie heute außer dem Papst kaum ein Mensch.

Die polnische Fastenküche sei aber auch besonders reichhaltig, verrät ein Beobachter aus dem Vatikan. "Karpfen, Eierspeisen, Gemüse, der Papst hat ja seine Nonnen, die ihn entsprechend bekochen." Fasten hieß es schon im 5. Jahrhundert bei den Slawen. Aber den Römern das freiwillige Hungern beibringen zu wollen ist ein kulturhistorisches Missverständnis. Es gibt keine Fastenküche in Rom. Man hält hier nicht viel von Selbstkasteiung. Dafür hat man schließlich Profis.

Ferdinand Gregorovius musste das beim Quellenstudium für seine Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter auch entdecken. Er berichtet von dem Dominikaner Fra Venturino aus Bergamo, der kurz vor Ostern 1334 mit einem wandernden Heer von mehr als zehntausend Menschen in Rom einrückte, die sich, so Gregorovius, "den sanftmütigen Namen Tauben gaben, aber eher wie Heuschrecken die Landschaft durchzogen". Was geschah: "Die Römer hörten in großer Stille auf die Rede des Mannes aus Bergamo, aber sie kritisierten seine Fehler im Latein. Er pries Rom als die Stadt der Heiligen, deren Staub man nur mit nackten Füßen betreten dürfe; er sagte, dass ihre Toten heilig, aber ihre Lebenden gottlos seien, worüber die Römer lachten. Sie applaudierten ihm, als er erklärte, dass der Papst seinen Sitz in Rom haben müsse, aber als er sie aufforderte, ihm das Geld, das sie für die Karnevalsspiele auf der Piazza Navona bestimmt hatten, zu frommen Zwecken darzugeben, fanden sie, dass er ein Narr sei."

An diesem Aschermittwoch hatte Johannes Paul II. zum "Fasten für den Frieden" aufgerufen, sehr zum Unmut der römischen Gastwirte, die in diesen Dingen keinen Spaß verstehen. Dutzende Parlamentarier quer durch die Parteien schlossen sich dem Aufruf an, man befürchtete schon das Schlimmste. Es kam aber anders. Zwar hatte das Restaurant Eau Vive, das von Nonnen geführt wird, die zum Hauptgang das Ave Maria singen, demonstrativ geschlossen. In den übrigen römischen Schlemmtempeln wurde jedoch schon zum Mittagessen zugelangt. Die Zeitung Il Messaggero interviewte eine Reihe von Pilgern, die vom Petersplatz und der Papstpredigt direkt an die Fleischtöpfe geschwirrt waren und sich von den Reportern peinlich ertappt fühlten.

"Wir haben es ja versucht, aber der Hunger war doch stärker", war die beliebteste Ausrede, und der Messaggero erteilte verständnisvoll Absolution: "Was zählt, ist die gute Absicht." Im Vatikan sieht man das ähnlich. "Ich habe nicht den Eindruck, dass hier gefastet würde", sagt Eberhard von Gemmingen. Der Jesuitenpater leitet das deutsche Programm bei Radio Vatikan. Fasten ist nicht sein liebstes Thema. "Auch in den Ordenshäusern ist außer an den kanonischen Freitagen die Fastenzeit kaum sichtbar. Natürlich steht da immer ein wenig vino auf dem Tisch. Das kann man doch nicht einfach wegnehmen." Und wurde nicht in den Klöstern während der Fastenzeit das Bier erfunden? Wer aber eigentlich in der Kirchengeschichte auf die Idee mit dem Fasten gekommen ist, daran kann sich der weltoffene Jesuitenpater von Gemmingen jetzt auch nicht richtig erinnern. "Fest steht: In allen Religionen haben die Gottsucher gefastet. Wie verrückt." Wie verrückt? "Schreiben Sie das ruhig: Wie verrückt."