Wenn Sie, was Sie natürlich nicht täten, aber nur mal angenommen, statt ihres Automechanikers mich fragen würden, wo beim Hyundai Getz das Problem liegt, dann würde ich Ihnen ohne langes Herumkurbeln an der Hebebühne und ohne Werkstattrechnung, sozusagen bar auf die Hand, antworten: Die Hinterräder sind einfach zu weit hinten angebracht. Es fällt Ihnen wahrscheinlich schwer, das zu glauben, denn in der Werkstatt bekommen Sie solche klaren Diagnosen nur hinter zugehaltener Tür zu hören. Ein echter Experte ist ja nicht blöd. Ein Experte weiß, dass all unser Wissen Vermutung ist und dass der Weise sich im Gegensatz zum Narren nie mit Bestimmtheit über das Wetter von morgen äußert, sondern sich jeglichem Problem vorsichtig nähert, indem er es mit sorgenvoll zerfurchter Stirn dreimal umschleicht, bevor er bedauernd die Schultern hebt und zu gründlicherer Untersuchung mithilfe der Hebebühne rät.

Einerseits muss der Mechaniker Stundenlohn schinden, vor allem aber will er uns das Gefühl geben, dass er seine Expertenmeinung nicht aus der ADAC-Zeitung, sondern in langwierigen Meisterlehrgängen mühevoll erworben hat. Eine Habilitationsschrift über Platon dauert ja auch länger als zehn Seiten, ein Leitartikel fängt ja nach dem vierten Absatz erst richtig an, und selbst der Hyundai wurde nicht an einem Tag erschaffen. Aber manchmal hat man nicht genug Zeit, sich den Experten auszusetzen und zu warten, bis das viele Wissen und das proportional sich vermehrt habende Nichtwissen auseinander klamüsert sind. Manchmal möchte man einfach wissen, warum man neulich beim Bremsen fast von der Autobahn geflogen ist.

Ich rollte also eines schönen Vormittags mit gemächlichen 180 Sachen die A24 entlang, um mich mit dem Hyundai Getz ein wenig anzufreunden. Die Sonne schien uns auf den Pelz, im Radio liefen die Platonischen Dialoge , ja, es war fast wie zu goldenen Goethe-Zeiten, als man noch ohne Ironie ins Fahrtenbuch schreiben durfte: "Ich fuhrwerkte im Walde so für mich hin, / Und nichts zu suchen, das war mein Sinn." Bis das Baustellenschild auftauchte. Rot eingerahmte 100. Dahinter, bereits auf Sichtweite, rot eingerahmte 80. Nichts einfacher als das, dachte ich, und trat auf die Bremse.

Wenn man im Toyota Starlet zügig von 180 auf 120 runtergeht, passiert überhaupt nichts. Wenn man das Gleiche im Hyundai Getz tut, bricht er hinten aus wie ein bekifftes Pony. Bekifftes Pony ist vielleicht nicht der exakte Fachbegriff, aber was würden Sie sagen, wenn Ihr Heck plötzlich unkontrolliert von links nach rechts zu schlingern begönne? Da würden auch Sie nicht lange grübeln, sondern es genauso machen wie ich, nämlich sich ans Lenkrad klammern und das Beste hoffen.

Mein Cousin vermutet, dass das Fahrwerk beim Hyundai Getz "nicht optimal abgestimmt" sei. ADAC-Zeitungsleser werden jetzt verständnisinnig nicken, aber ich warne davor, meinem Cousin blind zu vertrauen, denn erstens ist er Kfz-Mechaniker und zweitens bei VW. Er sagt, wenn das Auto schon etwas älter wäre, könnten die Trommelbremsen undicht sein. Aber (siehe Grundkurs Philosophie) nur wenn die Bedingungen der Möglichkeit in ihrer Totalität da sind, bilden sie Notwendigkeit. Demnach fällt die Trommelbremsenoption weg, denn der Testwagen war ja neu. – "Ach, meine liebe Frau Anderson, werden wir jemals die Wahrheit in Worten fangen?", fragte Wilhelm Busch in seinen Zwiegesprächen über den platonischen Gartenzaun und gab auch gleich die Antwort: "Nie!" Meine Schwester, die bei DaimlerChrysler Unternehmensabläufe managt, hat als Erstes wissen wollen, ob der Hyundai Getz ABS und ESP besitze. ABS hat er, ESP nicht. Ein fehlendes ESP ist jedoch kein hinreichender Grund für lebensgefährliche Schlidderei, denn besagter Toyota Starlet vom Baujahr 96 hat weder ESP noch ABS. – "Ach, liebe Frau Anderson, Gewißheit giebt allein die Mathematik!" Was nun den Mann meiner Schwester betrifft, der Informatiker ist und seit kurzem ebenfalls bei DaimlerChrysler arbeitet, seiner Firma demzufolge noch ein wenig unkritisch gegenübersteht, der wusste prompt, was das Problem am Getz sei: "Es ist kein Stern vorn drauf." Man merkt, dass Fehlersuche schnell ins Ideologische führen kann. Siehe auch unter transintellegibel: außerhalb der Reichweite des menschlichen Verstandes liegend.

Damit wollen wir nun zum familienpsychologischen Aspekt der Fehlersuche kommen. Mein Vater, der seit über 40 Jahren unfallfrei Auto fährt, würde natürlich nie dem Fahrzeughersteller, sondern immer mir die Schuld geben. Er ist sich sicher, ich hätte bloß ruckartig gebremst und sei überhaupt für eine Servolenkung zu ungeschickt. Meine große Schwester fragte, ob ich denn den Reifendruck überprüft hätte. Leider muss man einräumen, dass es keine ganz unphilosophische Herangehensweise ist, von der Tücke des Objektes zu abstrahieren und seinen Kontext einer kritischen Durchsicht zu unterziehen. Rein theoretisch kann die Schlingerei natürlich auch durch Spurrillen verursacht worden sein. Praktisch aber eben nicht. Rein theoretisch kann ein Auto mit Frontantrieb gar nicht hinten ausbrechen. Praktisch aber eben schon. Wenn Sie das nicht glauben, testen Sie den Hyundai Getz doch selbst.

Sie werden feststellen, dass er zwar in der Stadt schön wendig ist, auf freier Bahn allerdings wohl schon bei Windstärke vier keinen Elchtest mehr bestünde. Am besten hat man immer ein paar Koffer Ballast dabei, damit man nicht aus der Spur geweht wird. Es passen zum Glück erstaunlich viele Koffer in den Getz hinein, denn er ist für einen Kleinwagen relativ hoch, relativ breit und hat einen überproportional großen Radstand.

Wenn Sie mich fragen, besteht darin ja genau das Problem. Betrachten Sie den Getz mal im Profil, dann sehen Sie, dass zirka zwei Millimeter hinter den Hinterrädern das Auto zu Ende ist. Ein Kfz-Mechaniker würde Ihnen natürlich weismachen wollen, dass zu weit hinten angebrachte Räder noch lange kein Grund zur Panik sind. Aber bedenken Sie, dass der Mechaniker Experte ist und als solcher einen ähnlich schwierigen Zugang zur Wahrheit hat wie Platon: "Mancher glaubt doch, etwas zu wissen, was er nicht weiß, ich aber, der ich nichts weiß, glaube auch nicht zu wissen. Ich scheine wenigstens um ein Kleines weiser zu sein als mancher, weil ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube."