Berlin

Bloß jetzt keine "theologischen Debatten", warnt ein maßgeblicher Kanzlerberater. Damit will er sagen, dass die Regierung nicht zu erörtern wünscht, ob der Irak-Krieg nicht vielleicht doch ein bisschen richtig war – und sei es auch nur in seinem befreienden Aspekt. Lieber flüchtet man sich nun in alle zur Verfügung stehenden Details über den Wiederaufbau des Iraks. Mit Inbrunst werden hier technische, juristische und logistische Probleme gewälzt. Schließlich soll der Irak zum großen Versöhnungswerk des Westens werden. Und die kleinen Nebenwidersprüche der Kriegsgegner vergessen lassen.

Der Kanzler als Ingenieur, das ist die eine sympathische Rolle, in die er nun schlüpft. Die des Moderators ist die andere. Millimeterweise entfernte sich Gerhard Schröder beim Dreiergipfel in Petersburg von seinen immer noch gegengewichtig, antiamerikanisch gestimmten Friedensfreunden Jacques Chirac und Wladimir Putin. Hohe diplomatische Kunst ist hier gefordert. Denn der Kanzler muss sich von den beiden lösen, ohne dass sie es zu sehr spüren. Aber zugleich so, dass die Amerikaner und die Briten es ganz bestimmt merken. Wahrscheinlich würde das dem mittlerweile außenpolitisch hoch engagierten Kanzler auch gelingen, wenn da nicht immer neue Gipfel zu besuchen wären. Ende des Monats droht schon wieder einer, diesmal zwar ohne Putin, dafür aber mit noch mehr Chirac, nebst Belgien und Luxemburg. Auf diesem von bösen Zungen zum "Pralinengipfel" herabgewürdigten Treffen soll als Konsequenz aus der Irak-Krise eine europäische Verteidigungsunion gegründet werden. Damit Europa künftig auch solche Kriege führen könne wie Amerika. Aber keineswegs um sie tatsächlich zu führen, sondern um die USA davon abzuhalten. Auf Augenhöhe, sozusagen.

Moderation ist offenbar dann besonders schwer, wenn man zwar weiß, wen man moderieren möchte, nicht jedoch was. In der großen weltpolitischen Frage, ob sich die Europäer mit den USA zusammen für die Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens einsetzen oder lieber alles tun wollen, um sie daran zu hindern, hat sich die Bundesregierung noch nicht entschieden. Und wo die Strategie fehlt, zählt vorerst die Psychologie. Vor allem die des Kanzlers und die des Außenministers.

Gerhard Schröder hat in seiner Amtszeit nur eine wirklich riskante außenpolitische Entscheidung getroffen, die des klaren, frühen und dogmatischen Neins zum Irak-Krieg. (Kosovo und Afghanistan waren weniger schwer, weil er zum Mitmachen in Wahrheit keine politische Alternative hatte.) Das Goslar-Nein war mutig, und bis heute wirkt Schröder manchmal, als habe er sich von dieser Kühnheit noch nicht ganz erholt. Tatsächlich hätte sie ihn sein Amt gekostet, wenn Frankreich – wie allseits und vor allem vom Auswärtigen Amt erwartet – im UN-Sicherheitsrat umgefallen wäre. Schröders zentrale außenpolitische Erfahrung lautet also: Chirac hat mir das politische Leben gerettet. Darum will er von diesem engen Bund mit Frankreich nicht lassen. Weil aber in Paris an der Eindämmung der Amerikaner mehr gearbeitet wird als am Wiederaufbau des Iraks oder gar an der Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens, fühlt man sich im Kanzleramt ebenfalls in diese Richtung gedrängt.

Anders, jedenfalls in Nuancen anders, denkt man in Fischers Außenamt. Der inneren Natur des Ministers widerspricht es, dauerhaft auf Baisse und Niederlage zu setzen, darauf, dass es schief geht mit dem Krieg und dem Nach-Krieg. Als Bagdad befreit wurde, hat sich der alte Anarchist trotz aller Sorgen ehrlich gefreut. Ganz im Unterschied zu den überwiegend gequälten Grüßen, die ansonsten von Berlin nach Bagdad geschickt wurden.

Zwar hatte Joschka Fischer sich als einer der Ersten mit all seinem düsteren Schamanentum gegen den Irak-Krieg gestellt. Doch so sehr wie er apokalyptische Visionen liebt, so wenig mag er auf die Dauer apokalyptische Politik. Nun lockt es ihn merklich, mit den Amerikanern zusammen im Nahen und Mittleren Osten auf nichtmilitärische Veränderung zu setzen. Und, selbstverständlich, auch mit Frankreich. Aber eben nicht zu sehr mit Frankreich.

Unterschwellig entsteht in Berlin gerade eine Kontroverse zwischen Stabilitäts- und Veränderungspolitikern, zwischen Zuversicht und Pessimismus. Man könnte mit Blick auf den Nahen und Mittleren Osten auch sagen, zwischen denen, die eine Art Demokratisierung anstreben, und denen, die allzu schnellen Umwälzungen in Arabien skeptisch und furchtsam gegenüberstehen. Aber vielleicht ist auch dieser Streit schon fast "theologisch". Denn die Dialektik der Befreiung ist bereits in Gang: Wenn die deutschen Ingenieure und Stabilitätspolitiker zum Erfolg des Modells Irak beitragen, ihn also stabilisieren helfen, dann destabilisiert das zugleich die Region – im guten Sinne: Allen wird gezeigt, dass es zur arabischen Despotie eine Alternative gibt. Und ein Frieden in Nahost würde die Diktatoren ihrer wichtigsten Ausrede berauben.