Vereinzelt passiert es, dass Straftäter vom Volk bewundert werden. Dass sie, obwohl sie anderen übel mitgespielt haben, die Lacher auf ihrer Seite wissen. Es sind Schelme und Galgenstricke mit dieser Mischung aus Tücke, Selbstinszenierung, Gewissenlosigkeit und Spaß, deren frevelhafter Einfallsreichtum den angerichteten Schaden beinahe vergessen macht. Till Eulenspiegel war so ein Schalk, der sich – lebte er heute – vor allem in norddeutschen Haftanstalten aufhalten müsste. Sein auf 96 Schwänke verteiltes Leben, das vom mittelalterlichen Autor Herrmann Bote in ebenso vielen Kapiteln aufgeschrieben wurde, ist – mit den Augen eines Staatsanwalts betrachtet – nichts anderes als eine kriminelle Existenz. Seine Streiche erfüllen die Straftatbestände des Diebstahls, des Betrugs, der Beleidigung und schweren Körperverletzung. Was also rettete seinen feixenden Mythos über sieben Jahrhunderte? Dass er den Menschen einen Spiegel vorhielt. Zwar werden seine Opfer geschädigt, aber mit einem höheren Gut entschädigt: der Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit.

Aus dem Holze des Schalks ist auch Jürgen Harksen gemacht, der am 11. April von der Großen Strafkammer 20 des Landgerichts Hamburg zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt worden ist. Schwerreiche hanseatische Fabrikanten, Freiberufler und Erben hat er mit Witz und Chuzpe um ihre Millionen gebracht. Seine Taten sind, legt man die Elle der Strafverfolgung an, nichts anderes als abgefeimter Anlagebetrug. Und doch umgibt sein Vergehen die Aura einer genialen Eulenspiegelei. Harksens Missetaten demaskieren seine Opfer, stellen ihre Gier und Einfalt bloß, setzen sie der Schadenfreude des Volkes aus: Seht her, so leicht ist es, euch das Fell über die Ohren ziehen! Die Journalisten der Hansestadt machen es sich auf der Pressebank des Gerichtssaals gemütlich und freuen sich über jeden neuen Zeugen. Täglich hören und lesen die Hanseaten, wie Harksen ihresgleichen narrte. So offenbart der Schelm nicht nur den Gefoppten, sondern allen Menschen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, wie sie beschaffen sind: selbstgefällig und unersättlich. Und weil diese Kombination komisch ist und eine Entlarvung immer befreit, ist das Gelächter die Begleitmusik im Prozess gegen Jürgen Harksen.

Was die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vorwirft, gesteht dieser alsbald. Ja, er hat die Firma Nordanalyse gegründet, sich Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger als Anlageberater ausgegeben und wohlhabende Leute dazu beschwatzt, bei ihm zu investieren. Monströse Gewinne von 1300 Prozent stellte er ihnen in Aussicht, weshalb sie ihm freudig ihre Millionen anvertrauten. Wie viele Gutgläubige er hereingelegt hat, weiß Harksen womöglich selbst nicht mehr. 70 Geschädigte zählt die Anklageschrift auf, die insgesamt um etwa 64 Millionen Mark geprellt wurden, aber man darf annehmen, dass mancher Betrogene nie aus dem Dunkel der Anonymität getreten ist – sei es aus Scham, dem Gaukler so blind auf den Leim gekrochen zu sein, sei es, weil es Schwarzgeld war, was er Harksen kofferweise hinterherwarf. Vor dem Hamburger Landgericht blieben jedenfalls spärliche drei Harksen-Opfer übrig, denen zusammengenommen 34 Millionen Mark schmerzlich fehlen.

Den dramatischen Schwund an Leidtragenden hat der Angeklagte den Behörden Südafrikas zu verdanken. Dorthin war Harksen 1993 vor dem Zugriff der Strafverfolger und dem Druck seiner Gläubiger geflohen, hatte sogleich die Firma South Analysis ins Leben gerufen und sein Treiben fortgesetzt. Neun Jahre später lieferte man ihn aus – aber nur unter der Bedingung, dass er allein für die Übeltaten an diesen drei Geschädigten vor Gericht gestellt werden dürfe. Das Glück blieb dem Glücksritter also auch im Unglück treu.

Harksen (geboren 1960, verheiratet, drei Kinder) hat nicht allein auf der Anklagebank Platz genommen, bei ihm sitzen Ehefrau Jeanette und der Wirtschaftsprüfer Dirk H., die seine Streiche unterstützten. Beide kommen mit Bewährungsstrafen davon. Ein vierter Angeklagter – Spießgeselle Harksens, der den seriösen Treuhänder gab – ist zur Verhandlung gar nicht erst erschienen. Stattdessen schickt er Atteste aus der Schweiz, die beweisen sollen, dass Siechtum ihn ans Bett fesselt und jede Aufregung verboten ist. Dabei nimmt er regen Anteil am Prozess. Harksen erhält dauernd Post aus den Schweizer Bergen, die im Untersuchungsgefängnis abgefangen und vom Vorsitzenden Richter öffentlich verlesen wird. "Bleib bei der Wahrheit", mahnt der Kombattant vom Krankenbett aus.

Bei welcher Wahrheit? Hinter dem Richtertisch erhebt sich eine eindrucksvolle Mauer aus 90 Ordnern, in denen die zahllosen Wahrheiten des Jürgen Harksen dokumentiert sind. Vor den Richtern sitzt er selbst, ein Paradeangeklagter von euphorischer Demut, der Besserung gelobt, wann immer er Gelegenheit dazu erhält, seine Richter formvollendet anspricht ("Herr Vorsitzender, Hohes Gericht") und komplizierte Firmennamen unaufgefordert buchstabiert. Gleich zu Beginn seines Geständnisses verzettelt sich Harksen im Labyrinth seiner Geschäfte, das nicht nur aus der Nordanalyse, sondern aus einem Gewirr von Firmen, Aktiengesellschaften, Beteiligungen, Subunternehmen und Briefkastenfirmen besteht. "Ich will ja nicht unterbrechen", wirft der freundliche Vorsitzende, Ernst-Rainer Schudt, irgendwann ein, "aber wir sollten mal zum Punkt kommen." – "Zu welchem Punkt?" – "Na, ob Sie betrogen haben oder nicht." – "Ooch, zu dem Punkt." Es klingt enttäuscht. Der Saal kichert.

Der Punkt ist das Großinvestment, dem Harksens Anleger so hoffnungsfroh beitraten. Das "Investment" war der von Harksen aufgestellte Honigtopf, in den die Fliegen plumpsten. Zur Entstehungsgeschichte dieses Investments, das Wohlhabende zu Millionären und Millionäre zu Multimillionären machen sollte, setzte Harksen mehrere Legenden in Umlauf. Zu Beginn seines Wirkens behauptete er, mit der Nordanalyse diverse Firmen zu "durchleuchten" und auf diese Weise phänomenale Aktiengewinne zu erzielen. Später erfand der damals 28-jährige Harksen das "Skandinavien Investment" mit dem er durch Transaktionen, Aktiengeschäfte und Firmenübernahmen in Schweden, Dänemark und Norwegen aus 5 Millionen Mark im Handumdrehen 19 Millionen gemacht haben wollte. Donnerwetter!

Die Leute investierten, die Versprechungen wuchsen und wuchsen. Anfang der Neunziger harrten die Anleger bereits auf eine Milliardenausschüttung. Vergeblich – was kam, war die neue Legende vom "Scan 1000" und dem sagenhaften Ölfund, den Harksen in einem norwegischen Fjord gemacht haben wollte. Harksen sei (so ging die Sage) auf eine Mole getreten und habe den Duft der sich dort im Winde wiegenden Fischernetze eingesogen. Ölgeruch sei ihm in die Nase gestiegen, habe ihn zum Erwerb der Schürfrechte im Fjord veranlasst, wo er – mithilfe des Geldes seiner Investoren – auf die größten norwegischen Ölvorkommen aller Zeiten gestoßen sei. Der Verkauf der Rechte an die norwegische Regierung habe fantastische Gewinne gebracht, die durch Transaktionen an der "skandinavischen Börse" am Fiskus vorbeibugsiert werden sollten. Bitter nur, dass das gewaltige Vermögen, das Harksen – dank treuer Anleger – ansammeln konnte, nie zur Auszahlung reifte. Irgendein widriger Umstand, ein bockiges Amt, eine angeblich nicht erteilte Kapital-Export-Genehmigung oder ungeklärter Steuerwirrwarr mit den "skandinavischen Behörden" blockierte stets den großen Geldsegen. "Sagen Sie mal", fragt Harksens Verteidiger, Gerhard Strate, die geschädigten Zeugen, "glaubten Sie tatsächlich, dass es eine skandinavische Börse und skandinavische Behörden gibt? Meines Wissens besteht Skandinavien aus vier Staaten." Die Zeugen antworten, es hätte plausibel geklungen, deshalb hätten sie es geglaubt. Der Vorsitzende schüttelt den Kopf: "Unfassbar."