Das Schrecklichste, was einem Hochstapler aus der Sicht von uns Rechtschaffenen passieren kann, ist nicht etwa, dass er geschnappt, sondern dass er zur Rechtschaffenheit bekehrt wird. Wenn Leonardo DiCaprio nach zwei Kinostunden voll wilder Eskapaden ein zellenkleines Büro in der Fälschungsabteilung des FBI bezieht, wird uns so weh ums Herz, als wäre der Held erschossen worden. Auf sein betörendes Piloten-Outfit, auf Rendezvous in prunkvollen Hotelsuiten, auf halsbrecherische Fahrten im Cadillac könnten wir ohne weiteres verzichten, aber nicht auf seine ungezügelte Antibürgerlichkeit. Deshalb haben wir uns doch gerade in ihn verliebt, weil er wagt, was wir nur heimlich ersehnen: alle Vernunft über Bord zu werfen, sich aus der selbst auferlegten Mündigkeit zu befreien und mit gefälschtem Flugschein ins Zeitalter der Gegenaufklärung zu starten.

Steven Spielbergs Film Catch Me If You Can schenkt uns mit der Figur des Frank Abagnale junior, der in den sechziger Jahren Amerikas meistgesuchter Krimineller war, einen Protagonisten, wie er in der Geschichte des Hochstapler-Motivs so durch und durch sympathisch selten vorkommt. Anders als bei Thomas Manns Felix Krull sind Frank Abagnales Impulse nicht Eitelkeit, Spieltrieb, Amüsiersucht. Anders als beim Tapferen Schneiderlein beruht sein Hang zur Scharlatanerie nicht auf dem Gekränktsein eines kleinen Mannes, der sich zu Höherem berufen fühlt und nach der Anerkennung derer giert, die ihn verachten. Anders schließlich als Patricia Highsmiths Talentiertem Mr. Ripley fehlt ihm neben Skrupellosigkeit auch jener kleinliche Charakterzug, der Menschen dazu treibt, die teuren Gemälde des Nachbarn zu begehren, ohne sich an ihnen erfreuen zu können.

Der Film Catch Me If You Can versprüht schon im Titel jenen Übermut, der den echten Hochstapler vom biederen Betrüger unterscheidet. Frank Abagnale, so wie er von Leonardo DiCaprio verkörpert wird, ist weniger auf der Jagd nach Reichtum als auf der Flucht vorm Unglücklichsein. Seine Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Leuten oder geltenden Gesetzen ist weitaus geringer als seine Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Was morgen kommen mag, wie er sein gestohlenes Glück in dauerhaften Besitz ummünzen könnte, das fragt er sich nur ein einziges Mal, aber nicht aus Berechnung, sondern aus Liebe.

Dieser heillos sentimentale Held kennt weder das narzisstische Schwärmertum noch die kultivierte Oberflächlichkeit eines Felix Krull . Er kennt weder den Weltekel, noch den Selbstüberdruss, der Molières Misanthropen zur moralischen Hochstapelei veranlasst. All diesen Gestalten ist aber gemeinsam, dass sie Getriebene sind und deshalb ihrer selbst nicht mächtig. Da wären die unfreiwilligen Hochstapler, die durch Verwechslung in eine Rolle gedrängt werden: Nikolai Gogols Revisor , der Schneidergeselle in Gottfried Kellers Kleider machen Leute , der Schuhmacher in Carl Zuckmayers Hauptmann von Köpenick oder Gerhart Hauptmanns falscher Apostel . Da wären die Schauspieler, die sich von ihrer Brillanz dazu hinreißen lassen, die eigenen Lügen zu glauben, wie der Mönch in E.T.A. Hoffmanns Elixieren des Teufels . Und da wären die Angsthasen, die durch Autosuggestion über sich hinauswachsen.

Oft ist der Missetäter ein klassisches Opfer der Verhältnisse, weil seine Wünsche sich auf gesellschaftliches Prestige und den degenerierten Lebensstil einer privilegierteren Schicht richten. Die soziale Zielstrebigkeit und krankhafte Großspurigkeit von Daniel Defoes Moll Flanders etwa können als frühe Kritik an jenem ganz legalen Hochstaplertum verstanden werden, das heute erst wirklich zum Ideal erhoben wird und außer aufgedonnerter Rhetorik (Ich-AG, Sales-Manager) eine regelrechte mimetische Verseuchung des Alltagslebens nach sich zieht. Wir gewöhnlichen Schmierenkomödianten haben jedoch von Felix Krull höchstens die Cleverness geerbt, nicht den Esprit und schon gar nicht den Mut, uns unseren Sehnsüchten auszuliefern. Den landläufigen Clowns auf der Straße fehlt die Begabung des Künstlers zur Komik, zur Tragik und vor allem zur Selbstvergessenheit. Sie sind eben nicht Leonardo DiCaprio und haben von einer Erotik der Maßlosigkeit noch nie gehört. Sie wissen nicht, dass das Gefängnis des Menschen der Mensch ist und dass es nur wenigen großen Hochstaplern gelingt, dort auszubrechen.