Mut und Entschlossenheit mögen ihm selbst seine ärgsten Widersacher nicht absprechen. Und zwischen Bagdad und Washington gibt es eine Menge Leute, die Achmed Dschalabi nicht wohl gesinnt sind. Als erster prominenter Exilpolitiker wagte der 58-Jährige jetzt den Sprung ins irakische Chaos und tauschte eine komfortable Existenz in London gegen die harsche Realität seiner aufgewühlten Heimat ein. Donald Rumsfeld nennt die derzeitige Situation im Irak untidy, "unordentlich". Für Dschalabi könnte die Unordnung nach dem Kollaps des Regimes lebensgefährlich sein, wie die Ermordung eines schiitischen Geistlichen zeigt, der aus Großbritannien in die heilige Stadt Nadschaf gezogen war, um Aussöhnung zu predigen.

Dschalabi hat Risiken nie gescheut. Mehrfach inszenierte der Wortführer des Irakischen Nationalkongresses (INC) Umsturzversuche gegen Saddam Husseins Regime, auch 1995, als die CIA in letzter Minute die versprochene militärische Hilfe entzog und rebellierende irakische Militärs von Saddam Husseins Garden massakriert wurden. Die Bitterkeit steigt immer wieder auf, wenn Dschalabi über diese dunkle Episode spricht.

Die gegenwärtigen Verwerfungen in seiner Heimat schrecken ihn nicht. "Unvermeidlich, vielleicht gar notwendig" seien die anarchischen Eruptionen nach der Implosion eines Regimes gewesen, das sein Land durch Terror und Furcht zusammenhielt, sagt er; nachdem die Macht Saddam Husseins weggebrochen sei, hätten sich die aufgestauten Gefühle entladen müssen. "Eure kurzatmigen Medien, versessen auf Horrorstorys und Katastrophen" scheinen das nicht zu begreifen, ergänzt einer seiner Mitarbeiter. Eine Medienschelte, die Dschalabi selbst tunlichst vermeidet.

Nach 35 Jahren im Exil hat Dschalabi nun wieder den Boden seiner Heimat betreten. Anfang vergangener Woche flogen ihn die Amerikaner von der kurdischen Region im Norden ins südirakische Nasarya; mit ihm landete seine 700 Mann starke Miliz, die Free Irak Force. Den gelungenen Frühstart beim Wettlauf um die Gunst der Iraker verdankt er US-Vizepräsident Dick Cheney und Paul Wolfowitz, dem Stellvertreter von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Ohne deren Intervention säße Dschalabi mitsamt seiner Streitmacht jetzt noch hilflos auf dem Gelände eines zerbombten Luftstützpunktes außerhalb Nasarijas. Das State Department hatte versucht, seinen Vormarsch zu stoppen. Die örtlichen amerikanischen Kommandeure ließen Dschalabi ohne Waffen, Transport, Wasser und Lebensmittel hängen. Erst eine telefonische Anweisung aus dem Pentagon, das bei George Bush eine Executive Directive eingeholt hatte, befreite Dschalabi aus der misslichen Situation.

Nun besitzt er als einziger INC-Politiker, sieht man von den Kurden ab, eine Basis in dem Land, das er einmal regieren möchte. Dschalabi betont zwar stets aufs Neue, seine Aufgabe sei beendet, "wenn erst eine Verfassung für einen demokratischen, föderativen Irak formuliert und ein Termin für freie Wahlen festgelegt" worden sei; doch das nimmt ihm niemand ab, schon gar nicht glauben ihm seine kurdischen und schiitischen Rivalen im INC. Am Dienstag dieser Woche spielte Dschalabi seinen "Heimvorteil" geschickt aus. In Nasarija versammelten sich erstmals irakische Exilpolitiker, unbelastete heimische Repräsentanten, Stammesführer und Intellektuelle zu einer Konferenz über die Zukunft ihres Landes. Es sah zwangsläufig so aus, als folgten sie dem Rufe Dschalabis, auch wenn sich das State Department in Washington beeilte, die Bedeutung des Treffens herunterzuspielen – es handele sich lediglich um die erste vieler weiterer "regionaler Zusammenkünfte".

An der schillernden Figur Dschalabis scheiden sich in Washington seit einem Jahrzehnt die Geister. Dem Pentagon gilt der säkulare Schiite und überzeugte Demokrat als charismatisch und robust genug, den Irak – wie von George W. Bush verheißen – in einen "Leuchtturm" der Demokratie zu verwandeln, dessen Licht in die gesamte islamische Welt ausstrahlt. Dschalabis Credo deckt sich mit der Philosophie der amerikanischen Neokonservativen, die langfristig eine Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens anstreben. "Es geht im Irak darum, ob die Leute denken, Araber seien Banausen, die Demokratie weder verdienen noch handhaben können", sagt Dschalabi und zielt mit diesen Worten auf die Islam-Experten in den Außenministerien Londons uns Washingtons. Ihnen wirft er vor, sie pflegten lieber die Beziehungen zu den traditionellen Klientelstaaten am Golf samt feudalen Regimen und lehnten demokratische Experimente als ein riskantes Spiel mit dem Feuer ab. Umgekehrt gilt Dschalabi vielen Diplomaten, aber auch der CIA als dubioser, unberechenbarer Charakter mit dunkler Vergangenheit, die ihn für eine führende Rolle im Irak nach Saddam Hussein disqualifiziere.

Dschalabi war 1989 von einem Gericht in Jordanien wegen Betruges und Bereicherung in Abwesenheit zu langjähriger Haftstrafe verurteilt worden, nachdem die von ihm gegründete Petrabank Konkurs gemacht hatte. Dschalabi bestreitet die Vorwürfe; Saddam Hussein habe eine Verleumdungskampagne angezettelt, um ihn zu vernichten; König Hussein von Jordanien habe das Gerichtsurteil für null und nichtig erklären wollen. Doch selbst seine Förderer in London und Washington räumen augenzwinkernd ein, ihr Mann sei schon "ein bisschen eine Spielernatur". Vor zwei Jahren sperrte das State Department Gelder an den INC. Der Vorwurf: Veruntreuung.

Dschalabi wurde 1944 in Bagdad geboren, Spross einer wohlhabenden, einflussreichen Familie. Vater und Großvater bekleideten wichtige Regierungsämter. 1958, als die Monarchie gestürzt wurde, ging die Familie ins Exil. Dschalabi besuchte eine englische Schule und promovierte an der amerikanischen Eliteuniversität MIT in Mathematik. 1992 gehörte Dschalabi in London zu den Gründern des INC. Im INC stieß er manche Mitstreiter durch "Selbstherrlichkeit und Arroganz" vor den Kopf. Auf irakischem Boden hat er es bislang verstanden, taktische Fehler zu vermeiden. Dschalabi wägt seine Worte sorgfältig ab. Er hat die deutsche Entnazifizierung genauestens studiert. Natürlich müsse im Irak das System der Baath-Partei demontiert werden, das die irakische Gesellschaft infiltriert und kontrolliert habe, betonte er in einem Telefoninterview aus Nasarija. Aber es gehe keinesfalls darum, die Baathisten "zu töten oder zu demütigen". Seiner Free Irak Force schärfte er ein, alles zu unterlassen, was den Eindruck einer sinistren Miliz erwecken könnte.