Schon sein Vater war Arzt. Der hatte in seiner Dissertation die demokratische Krankheit als eine neue Wahnsinnsform und - es war die Aufbruchszeit von 1848 - die gesamte liberaldemokratische Bewegung mit ihren konstitutionellen Ideen als pathologisch bezeichnet. Es sei eine Ansteckung wie die Tanzwut im Mittelalter. Zur möglichen Therapie schrieb er: Aus Erwägung dieser ätiologischen Momente fließen die Indikationen für die Art der Behandlung ... und schlug vor, diese Menschen als Geisteskranke zu behandeln und diejenigen Lebensäußerungen, die den Kranken sowie die Allgemeinheit in Gefahr bringen, zu unterbinden, mit Anwendung des äußeren und inneren Zwanges.

Er galt - auch später dem Sohn, der ihn sehr bewunderte - als Ketzer unter den Ärzten, ging seine eigenen Wege und Irrwege, verspürte wenig Respekt vor der Wissenschaft und spottete über die Hoffnungen, die sich an die Entdeckung der Tuberkel- und des Cholerabazillus knüpften.

Dieser Vater war angesehener Badearzt in Kösen. Dort wurde der Jüngste von sechs Kindern geboren. Er lernte langsam und besaß eine narzisstische Verwundbarkeit, die zu Kränkungen und Aggressionen führte. Die Bindung an die Mutter war sehr eng. Seine exhibitionistischen Bedürfnisse, den Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen und sich bewundern und feiern zu lassen, sollte er ein Leben lang behalten. Als er sechs Jahre alt war, begann er beim Spielen mit seiner Schwester in plötzlicher Wut deren Puppen zu misshandeln oder etwas anderes zu zerstören. Die Schule, in die er kam, wurde von drei Schwestern geleitet, und deren Leibesfülle fand er abstoßend, wie er später erklärte. Er flüchtete sich in eine Krankheit, und so fallen in den Zeugnissen die Zahl der versäumten Tage mehr auf als seine Leistungen.

Inzwischen ging es dem Vater finanziell schlecht, er hatte sich übernommen, und durch den Krieg 1870/71 blieben die Patienten aus. Es kam zum Konkurs. Um Geld zu verdienen, nahm die Mutter in einer anderen Stadt eine Stellung als Gesellschafterin an. Ihren Fortgang sah der Sohn als Verrat an, den er ihr lange nicht verziehen hat.

Als er zwölf war, kam er in die Fürstenschule von Pforta, eine Erziehungsanstalt, deren strenge Regeln er zu umgehen lernte. Bei Frust reagierte er mit Scharlach, Hals- und Nierenentzündungen. Trotz allem schaffte er, etwas mühsam, das Abitur. Dann ging er zum Medizinstudium an die Militärakademie nach Berlin. Anschließend musste er sich für acht Jahre als Militärarzt verpflichten.

Sein Lehrer war ihm bei der Verkürzung seiner Dienstzeit behilflich. Er übergab ihm die Leitung seines Sanatoriums in Baden-Baden, wo er die Patienten mit Unterleibsmassagen, heißen Bädern und einer eigenthümlichen Diät, ohne Brunnencur und mit dem >Lob des Schmerzes< zu heilen begann. Sein Motto: Der Arzt verkörpert die Sehnsucht, geführt zu werden.

Er kritisierte die Tendenz, dem Schmerz durch Morphium und andere Mittel abzuhelfen. Dadurch würden das Krankheitsbild verändert und der Körper geschwächt. Physiotherapeutische Behandlung und besonders Massagen waren ihm wichtiger. Beim Massieren lernte er das kennen, womit Freud in der Analyse zu tun hatte: Widerstand und Übertragung. Er begann Vorträge auszuarbeiten und Artikel zu schreiben, anfangs hölzern und pathetisch. Aber mit der Zeit hatte er Erfolg. Er propagierte das Es als eine geheime Kraft, die dich gesund und krank macht, die dich leben und sterben läßt - ihr zu gehorchen, sich ihr nicht zu widersetzen, darauf kommt es an.