Eben am späten Samstagabend ziemlich schlapp aus dem OP-Saal kommend, nach einer Notoperation bei der dreijährigen Tamara (ausgedehnter Mandelabszess nach beharrlich homöopathischer Hausarzt-"Lotsen"-Therapie), lese ich mit einer Mischung aus Amüsement und Wut Ihren erfrischenden Artikel über unseren Berufsstand und seine tollen Vertreter, eine Misere, die natürlich auch von mir erlebt wird, mit immer neuer Frustration und Entmutigung. Etwa am Beginn eines neuen Quartals, wenn ich mir den Zahlen-Wust anschaue, mit dem die Kassenärztliche Vereinigung mir klar macht, dass meine Arbeit nichts wert und die lange Ausbildung zum Facharzt eigentlich eine grandiose Fehlinvestition ist.

In der Tat: Für die fachärztliche Leistung des Herausnehmens von chronisch entzündeten Mandeln aus dem Hals eines lebendigen Menschen bekommt man 30 Euro, für den ungleich anspruchsvolleren operativen Ersatz des Steigbügels im Mittelohr - eine filigrane Mikromanipulation unterm Mikroskop an der Schwelle zum Innenohr, mit der im Fall einer so genannten Otosklerose dem Patienten meist wieder ein normales Gehör verschafft und ein Hörgerät verhindert wird, das übrigens 1000 Euro kosten w ürde - gibt's circa 150 Euro. Der Klempner, der eine etwas kürzere Fachausbildung hat, kriegt fürs Anbringen eines Spiegelschränkchens an der Wand in meinem Badezimmer 160 Euro.

Nun kann man drüber streiten, ob ein normales Gehör wirklich so viel wert sein darf wie ein gut gehängter Wandschrank, dennoch steht für mich fest, dass meine KV-Funktionäre, denen ich weniger auf Gedeih als auf Verderb schutzbefohlen bin, sich über derlei Petitessen nicht den Kopf zerbrechen, sind sie doch mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt, zum Beispiel dem Erhalt jenes Systems, das viele Jahre unbehelligt dafür sorgen konnte, dass auch die jämmerlichste Niete und der größte Betrüger glei chermaßen sich aus dem KV-Füllhorn bedienen konnten, und das auch heute noch fürstliche Funktionärsgehälter bezahlt, für welche Tätigkeiten und zu wessen Nutzen, bleibt ein Geheimnis - besonders für so dämliche Belegärzte wie mich, der jetzt gleich w ieder auf Station muss, das Kind hat noch Fieber.

Dr. med. Ulrich Leidenfrost Lörrach