Halberstadt! Aber wie erklärt man das? 41000 Einwohner, zwischen Magdeburg und dem Harz gelegen; wie ein Traumbild schwebt die Silhouette mit ihren Türmen dem Reisenden über die Ebene entgegen. Die Kirchen (reinstes Weltkulturerbe), die berühmten Dosenwürstchen (seit 1896), das beliebte Theater (mit Musik und Ballett), etwas Hochschule (neuer Studiengang EU-Verwaltungsrecht). Straßenbahn! Halberstadt: Nicht zu vergleichen mit Quedlinburg oder Wernigerode oder Goslar nebenan im Harz, mit diesen Märchenstädtchen, Püppchenstübchen. Halberstadt ist kein Idyll. Halberstadt ist struppig, Halberstadt ist hinreißend schön. Die Geheimnisse von Halberstadt… Wie also erklärt man das? Erstens: die Frauen. Zweitens: die Männer. Drittens: der Krieg. Viertens: die Liebe.

Die Frauen, die Frauen zuerst. Maria in Liebfrauen. Die Karschin. Lily Braun, die große Frauenrechtlerin, hier geboren. MinnaBollmann, davon später. Margarete Schraube, die erste Halberstädterin, die vom Zehn-Meter-Brett sprang. Die Eltern hatten eine Blaufärberei mit Textilgeschäft. In der Voigtei 48, in der Altstadt, steht noch das Haus, ein kolossaler Fachwerkkasten aus dem 17.Jahrhundert; hier hat Margarete Schraube von 1903 bis 1980 ihr ganzes Leben verbracht. Durch den großen Hof geht’s zum Seitenflügel – ins Schraube-Museum. Denn die Sportlerin, Schwimmerin, Zehn-Meter-Brett-Springerin, von Beruf Lehrerin, hatte noch eine andere, ganz besondere Leidenschaft: die Zeit des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende, die Welt ihrer Eltern und Großeltern, das war ihr Traum vom Glück. Alles hat sie aufgehoben, die ganze Einrichtung, Stühle, Schränke, Betten, die Kommode, von "Tischlermeister Biertimpel wundervoll aufgearbeitet". Langer Flur, eine Flucht von Zimmern, der große Salon.

Alles aufheben, an Ort und Stelle. Aufbewahren für alle Zeit, was immer draußen vorgeht in der Welt, wer immer da gerade durch die Straßen marschiert und grölt, in neue Zeiten hinein und scheppernd wieder hinaus. Wahrlich, es gibt bedeutendere Schätze in Halberstadt als das Kanapee der Familie Schraube, größere Kunstwerke als die Flach- und Stielstickereien der Schülerin Margarete, und doch: das Schraube-Museum, dieses Haus des Eigensinns, diese Wohnung gegen die Zeit… Da rührt es uns schon mächtig an, das Halberstadt-Gefühl.

Nicht anders als in Bollmanns Gastwirtschaft gleich um die Ecke, Bakenstraße 63: das antike Sozilokal, hier schmausten Liebknecht d. Ä. und Bebel und Ebert. Hier hatte Minna Bollmann zunächst ihrem Mann hinter der Theke geholfen, war dann ausgezogen in die Politik, in den Stadtrat und den Preußischen Landtag in Berlin. Nach dem Ende 1933 verteidigte sie ihr Haus tapfer als einen letzten Freiraum im rechtsfreien Raum Deutschland (SA-Sturmführer Grunwald erstattet Meldung: "Unser Gruß ›Heil-Hitler‹ wurde nicht beantwortet"). Schließlich kapitulierte sie und nahm den Weg ins Freie; ihr Mann hielt die tausend Jahre durch; er gab erst nach dem Krieg auf, 1950 nahm auch er sich das Leben – in kommunistischer Haft. Fotos und Zeitungsausschnitte erzählen die Geschichte dieses unerhörten Restaurants, heute in bayerischer Hand resp. Pranke, und von der Wand, aus großem Rahmen, blickt Minna Bollmann unerschrocken auf die wüst dampfenden Semmelknödel.

Das sind so Nebenwege, aber sie führen den Reisenden mitten hinein in die Geheimnisse von Halberstadt. Durch die untere Altstadt schlendert er an farbenprächtig renoviertem Fachwerk vorbei, dann wieder an Brachen, in denen die Pfützen stehen. Ein Kätzchen trinkt, in der Stille des Nachmittags hört er es leise schmatzen. Die Luft riecht nach frischem Holz. Für manchen der Bauten, die man zu DDR-Zeiten verkommen ließ, um sie schneller abreißen zu können, scheint jede Hilfe zu spät zu kommen: schon kein Haus mehr, nur noch ein Seufzer, ein in sich gekrümmtes Gespenst, aus klaffenden Rissen weht bleiches Gras.

Die mächtige Peterstreppe geht es hoch, dann steht der Reisende mitten auf dem herrlichen, endlos lang gezogenen, gelbsandigen Domplatz, den alte Bäume und klassizistisches Fachwerk säumen. Auf der einen Seite die Kathedrale, mit ihren beiden nach oben hin leider etwas verhuschten Türmen. Auf der anderen die Liebfrauenkirche, aus Kriegsruinen wieder erstanden, ein gewaltiger romanischer Raum. Vorne, zum Chor hin, die berühmten Schranken. Zu jeder Seite Blendarkaden, unter den Bögen fast lebensgroße Figuren aus Stein: die Apostel und Maria. Nein, keine Madonna, sondern Maria, sanfte Herrin, Weltenrichterin, Sitz der Weisheit. Nur das Kind da auf ihren Knien (Jesus Christus? der Erlöser?), es stört ein bisschen. Brauchen wir es noch? Brauchen wir ihn noch, scheinen sich die Apostel zu fragen, diesen HErrn, wenn wir doch diese Frau haben? Marias Blick geht in die Ferne, in die Zeitlosigkeit. Ihre langen, langen, langen blonden Zöpfe.

Ausgerechnet hier führt ein Mann Aufsicht, erklärt kundig das karge Chorgestühl, und der Besucher entdeckt bizarre Schnitzereien, elefantöse Dämonen, die sich mit dem Rüssel das eigene Genital besaugen.

Warum haben die Dichter plötzlich Schnäbel?