Lautlos rückt das Kind die Figuren umher, versunken in eine Welt, in der Holzfiguren leben. Wie im Theater stehen die Akteure bereit, die Kulisse steht, einfache Häuser aus Pappe oder Holz, umrahmt von einer hohen Mauer. Halb verdeckt hinter Hausecken, warten die Schauspieler auf die Anweisungen: der hölzerne Mann mit den verschmitzten Knopfaugen, eine bemalte Kegel-Holzfigur wie aus dem Fundus einer Spielkiste, dahinter ein Jäger mit finsterer Miene, den Hund im Arm. Dazu eine Katze, eine Maus, das Spiel kann beginnen.

Mit jedem Umblättern der Buchseiten rückt man den Dingen näher auf den Leib, eine Textzeile um die andere: "Das ist der hölzerne Mann / das ist das Haus vom hölzernen Mann / das ist die Tür vom Haus vom hölzernen Mann." Bild für Bild verschieben sich, von unsichtbarer Kinderhand gelenkt, die Figuren auf der Bühne. Eine eigentümliche Spannung entsteht zwischen den beiden Akteuren: Verfolgt der Jäger den hölzernen Mann? Beobachtet er nur, oder will er ihn schützen? Vor wem? Ein Kind, das hier Regie führt, könnte so etwa sein Spiel mit den Figuren treiben, sie in immer neue Beziehungen setzen und dabei wechselnde Geschichten fantasieren.

Mit den veränderten Positionen der Personen geraten auch die Perspektiven und Größenverhältnisse in Bewegung. Melanie Kemmler, geboren 1972, führt den Betrachter in ihrem Erstlingswerk durch sanfte Zooms ganz dicht an die "Tür vom Haus vom hölzernen Mann" heran und geht dann wieder vorsichtig auf Abstand, wenn sich ein Handlungsmotiv ans andere reiht. Kaum ist der hölzerne Mann hinter seiner Tür verschwunden, wird eine Maus auf die Bühne gerollt und nagt am "Bändchen vom Schlüssel vom Schloss". Blättert man um, hat bereits eine riesige Katze die Maus am Schwanz gepackt. Auch wenn sie unschwer als Plüschtier aus der Kuschelecke zu erkennen ist – hier, mitten im Spiel des Schuhkartontheaters, wirkt sie bedrohlich und monströs.

Und wie an einer Schnur folgen der Katze nun Hund und Jäger, ein eigenartiges Versteck- und Machtspiel nimmt seinen Lauf – ein kleiner Krimi im Schuhkarton. Bild und Text suchen bei dieser additiven Erzählform eine weitgehende Kongruenz, um den rhythmischen Charakter der Reihung zu sichern. Es ist das alte, vergnügte Sprachspiel aus der Tradition der Kinderreime und Abzählverse, Seite um Seite die Zeilen zu rekapitulieren und zu memorieren. Doch erst die Bilder füllen die knappen Worte mit theatralischer Kraft. Melanie Kemmler entwirft die Bühnenbilder als lichthelle, surreale Landschaften, in denen die dunklen Schatten zu eigenen Akteuren werden. Der Kulissenhimmel wandelt sich im Verlauf der Ereignisse vom strahlenden Himmelblau über ein düsteres Graublau bis zum tiefen Nachtblau. Und wenn dann das Bühnenbild durch Licht- und Schattendramaturgie seine stärkste Wirkung entfaltet, deckt eine Steckdose am Rande des Sternenhimmels den Illusionscharakter des Spiels diskret auf.

Bis zuletzt bleibt die Handlung um den hölzernen Mann in der Schwebe, auch wenn er am Ende die Fäden in der Hand zu halten scheint, den Förster mit Hund unter dem Arm, Maus und Katze sind in Schachteln aufgeräumt. So kann das Spiel wieder beginnen. Man muss nur hineingreifen und die Figuren neu mischen – der Schatten der Illustratorin fällt über die letzte Szene: "Da steht er, der hölzerne Mann. Das ist das Haus…"

LUCHS 194 wurde ausgewählt von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 17. April, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen- Funkhaus Europa das Bilderbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de