Reumütig zurück am Amazonas: Ein Abenteuerroman

Waisenkinder haben bei Lesern jedweden Alters einen Stein im Brett, ob von den Brontës, von Dickens, von George Sand oder, eine Treppe tiefer, von Spyri oder Hector Malot. Eigentlich kann man fast nichts falsch machen, wenn man als Autorin oder Autor ein Waisenkind ins Rennen schickt. Sagte sich Eva Ibbotson und nimmt als Zeit die Edwardianische, als Ausgangspunkt eine Internatsschule in London-Mayfair (gutes Klima, keine Psychopathen), ferner haben wir ein sehr vifes Mädchen namens Maia Fielding (Alter vage, etwa zwischen 12 und 14), als Schutzengel eine Gouvernante à la Katherine Hepburn in African Queen, die Maia übers weite Meer eskortieren soll, nach Manaus, einer brasilianischen Dschungelstadt, wo sich entfernte Verwandte gefunden haben, die die Waise bei sich aufnehmen wollen. Auf dem Schiff und später, an Ort und Stelle, läppern sich die Waisenkinder; bald sind’s zwei, dann sogar drei, freundschaftlich verschworen, bloß gut, dass man als Geschmacksneutralisierer die verzogenen, herrlich widerwärtigen Carter-Zwillinge dazubekommt.

Ich geb’s zu – die ersten 30 Seiten saß ich auf dem hohen Ross der Herablassung, überschlug das mutmaßliche Alter der Verfasserin (75 bis 80) und mokierte mich gelinde über das sich fast von allein kochende Gericht "Kolportage an gut durchgemixtem Exotikrand mit Verfolgungssauce im Extrakännchen". Ich unterbrach erst mal, um die Geschichte eines anderen, ebenfalls nagelneuen Waisenkindes anzulesen. Und geriet aus dem Fahrwasser solider suspense und routiniert angelegter Personnage in eine schrill-hektische Schüler-Sitcom-Welt, wo kein Erwachsener ohne mindestens sechs eklige Attribute davonkommt, wo alle drei Seiten ein neuer Lacher angepeilt wird und das arme Waisenkind sich an der fiesen Heimleiterin rächt, indem es sie zwingt, ihr Gebiss an einer Schnur um den Hals zu tragen, die Schlüpfer über den Kopf zu stülpen und so angetan in die Stadt zu fahren.

Ich kehrte reumütig an den Amazonas zurück. Zurück zu Ibbotson, die die Bösen respektiert und ihnen so ihre Gefährlichkeit lässt. Denn die Spannung eines Schmökers lebt nun mal von potenten Übeltätern; wer aus ihnen von vornherein Popanze macht, entzieht der Geschichte die dritte Dimension. Turbulenz ist kein Ersatz für Dramatik, und Blödelei erzeugt keine Anteilnahme.

Immerhin hat auch die Tropenwelt ihre lustigen Personen: zwei Greifer, von Sir Aubrey Taverner im fernen United Kingdom nach Manaus gehetzt, um vor Ort den Spuren seines dringend benötigten, bislang nie gesehenen Enkels zu folgen und diesen dorthin zu schleppen, wo die Erbfolge ruft. Die beiden sind außerdem Teil einer ziemlich unverfrorenen Little Lord- Adaption, die am Schluss jedoch einen Haha-Effekt landet: Ein falscher Erbe schmuggelt sich an die Stelle des echten und – alle sind glücklich!

Auch Maia und Miss Minton wissen nach einer vorübergehenden Rückführung ins Mutterland, dass die Freiheit des Individuums derzeit nur an Bord einer frisch kalfaterten Barkasse zu haben ist, unter Gleichgesinnten, von einer Wildnis in die andere schippernd, den Rio Negro hinauf und in den Agarapi-Fluss, wo die edlen Xanti singen.

Mama Königin hat gaaanz viel zu tun