Washington

Seit Erfindung der Fotografie ist die Welt gewohnt, dass ein historisches Ereignis sich seine Ikone schafft, ein Bild-Symbol, das die Größe des Moments zu erfassen vermag. So war es auch in der vergangenen Woche bei der Hinrichtung der Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz zu Bagdad. Doch um die Aussage des Ereignisses tobt seither ein transatlantischer Deutungskampf.

In vielen deutschen Medien ist die symbolische Niederwerfung von Saddam Husseins Diktatur nur ein Augenblicks-Ereignis im großen Epos des Leides, das zuerst der Krieg schreibt und gleich darauf die Anarchie; Jubel ist immer "verfrüht". Im amerikanischen Fernsehen wird seit einer Woche nichts lieber wiederholt als jene Szenen, in denen die Bombardierten die Bombardierer umarmen: die Frau, die einem amerikanischen Soldaten Blumen zusteckt; das Plakat, auf dem – orthografisch eigenwillig – steht: "Thank you, Mr. Bosh". In Amerika sind die eigenen Jungs als Befreier zu sehen, in Deutschland sind sie Besatzer im Chaos. So versuchen die Medien einmal mehr die Weltbilder ihrer jeweiligen Kunden zu bestätigen. Die Wahrnehmungsunterschiede, die so entstehen, werden selbst zum politischen Faktor.

Dass ein Teil der Iraker die Soldaten willkommen heißt, hat in den Vereinigten Staaten ein kollektives Aufatmen erzeugt. Ein beschädigtes Selbstbild kommt in Ordnung. "Gottlob hat sich wieder einmal herausgestellt", schreibt das Wall Street Journal , "dass Amerika, zusammen mit Großbritannien, auf der Seite der Freiheit steht." So manchem, sogar manchem Konservativen, waren in der letzten Zeit angesichts der Vielfalt der Kriegsbegründungen aus dem Weißen Haus Zweifel gekommen. Die Bilder der Dankbarkeit haben klar gemacht, dass der Feldzug alle Mühen und Opfer wert war. Nach Blitz- umfragen scheint der Krieg jetzt sogar einer Mehrheit der Amerikaner gerechtfertigt, wenn keinerlei Massenvernichtungswaffen gefunden werden. Hätte man etwa den Unterdrückten sagen sollen, sie hätten es noch ein paar Jahrzehnte mit der Diktatur aushalten sollen? In Amerika wird das Argument nun umgedreht: Je länger eine unvermeidbare Konfrontation hinausgezögert wird, desto mehr Menschen müssen leiden. Deshalb bringt der Soziologe David Brooks George Bush und Tony Blair schon für den Friedensnobelpreis ins Gespräch.

Von Bagdad nach Jerusalem

Die Mitglieder der Regierung gestatten sich seit dem Fall Bagdads keinerlei Häme. Umso schriller der Triumphalismus jener Bellizisten, die kein Amt hemmt. Allen voran Pentagon-Berater Ken Adelman, der das Wort vom "Spaziergang" in den Irak erfand und nun seinen ganzen Stolz in den Zeilen eines Zeitungskommentars auslebt. "Die Angstmacher" greift er frontal an. Keines ihrer Horrorszenarien sei eingetroffen: keine Raketenangriffe auf amerikanische Truppen, keine brennenden Ölfelder, keine gesprengten Staudämme, keine Welle des Terrorismus in Amerika, keine Aufstände gegen amerikafreundliche Regierungen in der Kriegsregion, keine Bio- oder Chemiewaffenangriffe. Und vor allem kein "Armageddon im Nahen Osten", das der führere US- Sicherheitsberater Brent Scowcroft für den Fall eines Angriffs auf Israel und einer nuklearen Antwort befürchtet hatte.

So mancher bekommt nun sein Fett ab: die latte liberals, also die Cappuccino-Linke aus San Francisco und die Stars aus Hollywood, die Hälfte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten und die Hälfte der Zeitungen, einfach jeder, der dem Frieden und Saddam Hussein eine Chance geben wollte. "Die Kriegsbefürworter sind in der Stimmung, einen ideologischen Pogrom zu begehen", klagt Michael Kinsley, Kolumnist von slate.com. Er gehört zu jener Hand voll Linker, die sich in diesen Tagen hervortrauen und nun wie Angeklagte durch die Talkshows geschleift werden. Jeder will wissen: Was sagen die Kriegsgegner gegen den Vorwurf, sie hätten der Unterdrückung das Wort geredet? Kinsley zitiert George Orwells berühmte Beo- bachtung aus dem Jahre 1942, wonach die Pazifisten, die wider den Krieg gegen Hitler argumentierten, "objektiv pro-faschistisch" waren. Genüsslich erwähnt er Orwells Widerruf, der seine eigene Formulierung zwei Jahre später intellektuell "unehrlich" nannte. Für Kinsley bleiben die wichtigen Fragen unbeantwortet: jene nach der Al-Qaida-Verbindung, nach den Massenvernichtungswaffen, nach dem Versprechen der Demokratie, nach der völkerrechtlichen Legalität, nach der Legitimität einer Strategie des Präventions-Krieges.

Kinsleys Position ähnelt jener, in der sich die deutsche Regierung befindet. Jedenfalls meinen das Amerikas Rechte, die davon ausgehen, die Mehrheit der Deutschen müsse sich von den Befreiungs-Bildern aus Bagdad erschüttern lassen, ihre Position revidieren und in Amerika doch noch die Macht des Guten sehen. "Ich hoffe", meint der Pentagon-Berater Richard Perle, "die Deutschen und die Franzosen werden nun ihre Regierungen befragen, warum sie sich diesem Krieg entgegengestellt haben." In Kolumnen rechter Blätter wird "Deutschlands schlechtester Kanzler seit 1945" zum Rücktritt aufgefordert und dessen Außenminister zur "Entschuldigung bei Donald Rumsfeld und dem irakischen Volk". Das Internet-Magazin townhall.com zeigt sich entsetzt, dass die Deutschen aus dem Nationalsozialismus keineswegs gelernt haben, "dass das Böse bekämpft werden muss", sondern dass "Kämpfen böse ist". Für die Neokonservativen innerhalb der regierenden Rechten wirkt der Fall von Bagdad wie ein Aphrodisiakum. Es waren ihr eigenes Weltbild und ihre eigenen Losungen, nämlich "Härte" und "Entschlossenheit", die seit Wochen unter dem Druck einer widerspenstigen Realität standen. "Härte" ist im Politikverständnis der Reagan-Jünger gegen alle Diktaturen angezeigt: das Böse beim Namen nennen, konfrontieren und in die Knie zwingen. Bloß hat ebendiese Politik in Nordkorea die Krise nicht gelöst, sondern verschärft.