Schöne neue arabische Welt

E s ist, als drehe sich die Geschichte des Nahen Ostens rückwärts. Wie verweht scheinen die bewegten Tage der Sueskrise 1956, als Briten und Franzosen auf internationalen Druck ihre Truppen aus Ägypten zurückziehen mussten. Kaum noch im Gedächtnis ist der Abzug der letzten britischen Truppen aus dem Irak 1959 – ein Jahr nachdem irakische Offiziere die von London eingesetzte Haschemiten-Dynastie gestürzt hatten. Damit war das Ende westlicher Gängelung eingeläutet, das Finale des Kolonialismus. Die arabische Welt sollte ihre Geschicke künftig allein bestimmen.

Vorbei. Nach dem Sieg amerikanischer Truppen und ihrer britischen Assistenz über die Republikanischen Garden von Saddam Hussein ist der Irak wieder in Abhängigkeit zurückgefallen. Nicht ganz wie zu seiner Gründerzeit vor 80 Jahren, aber mit bemerkenswerten Parallelen. Wieder wird eine westliche Großmacht die Regierung in Bagdad nach ihrem Belieben formen.

Dolchstoß statt Durchmarsch

Die Nachbarn des Iraks schauen in diesen Tagen, wo sie nun ihren Platz finden können. Die kleinen und mittleren Mächte ordnen sich neu um den fremden Gebieter, die USA. Gibt es Gewinner der neuen Zeit? Wer sind die Verlierer? Was erhoffen die muslimischen Verbündeten und Gegner Amerikas – und was befürchten sie?

Beginnen wir mit den Verbündeten, am besten gleich mit dem wichtigsten. Ausgerechnet die Türken feiern den Sieg der Amerikaner nicht mit. Sie hatten dem US-Militär am 1. März den bequemen Durchmarsch über Anatolien in den Nordirak verweigert. Die diplomatischen Hiebe und die gegenseitigen Vorwürfe ("Dolchstoß!", "Erpressung!", "Verrat!") haben beide Seiten bis heute nicht verwunden. Nichts ist wie vorher, auch wenn die Diplomaten tapfer lächeln. Amerikaner und Türken dürften das gegenseitige Misstrauen kaum mehr abschütteln.

Macht nichts, werden sich die Amerikaner sagen. Nun haben wir den Irak – als Verbündeten und als Militärbasis. Was ist schon der anatolische Stützpunkt Incirlik gegen "Bagdad International Airport"? Seit voriger Woche ist der Wert der Türkei für die Strategen an den grünen Tischen in Washington erheblich gesunken. Mit den Kurden und den Jubelnden unter den Schiiten glauben sie neue, verlässlichere Freunde als die Türken gewonnen zu haben. Genau diese Erwartung wird das Verhältnis von Türken und Amerikanern weiter vergiften.

Der Streit um die Präsenz der Kurden im nordirakischen Mossul und in der Ölmetropole Kirkuk schwelt vor sich hin. Kurden und Amerikaner mögen munter insistieren, die kurdischen Peschmerga-Kämpfer hätten beide Städte verlassen. Trotzdem wittern die Türken hinter jeder brandneuen Polizistenuniform einen gewendeten Peschmerga. Deshalb fühlt sich die türkische Elite als Verlierer des Krieges. Sie muss nun mit selbstbewussten, von Amerika gehegten Kurden an ihrer Südostgrenze leben, in einem eigenen Staat, falls der Irak zerfällt. Jegliche finanzielle Entschädigung für die Kriegsverluste musste Ankara längst abschreiben.

Nur die türkischen Geschäftsleute können am Ende Gewinn machen. Beim Wiederaufbau des Iraks werden sie ihre Nischen finden – das garantieren allein die räumliche Nähe und ihre jahrzehntealte Erfahrung.

Schöne neue arabische Welt

Ähnlich geht es den Jordaniern. Auch wenn sie im Wettbewerb mit den international gestählten Türken kaum bestehen können: Die Geschäftsleute und Händler aus Amman werden ihre Kontakte polieren, um sich den Irakern als preiswerte Versorgungsbasis anzudienen. Die jordanische Regierung wird die Früchte ihres Schlingerkurses zwischen den Extremen einsammeln. Für das empörte Volk geißelten sie die amerikanische "Aggression". Für ihren Spielraum nach dem Krieg aber gewährten sie den Amerikanern Luftraum und Territorium für Spezialoperationen. Washington versprach dem Land über eine Milliarde Dollar als Militär- und Wirtschaftspaket. Und den Platzvorteil beim Wiederaufbau des Iraks kann Jordanien ohnehin niemand nehmen.

Darauf spekulieren auch die kleinen Staaten am Persischen Golf, allen voran Kuwait. Das Ölscheichtum ist Standort von mehreren international operierenden Bau- und Kommunikationsfirmen. Beim Wiederaufbau des eigenen Landes nach dem Golfkrieg vor zehn Jahren sind sie groß geworden. Zwei Mobilfunkfirmen wollen nun Sendemasten im Südirak aufstellen. Kuwait wird dabei zugute kommen, dass es wie Qatar und Bahrein amerikanischen Truppen Kost und Logis bereitstellte. Auch diese beiden Kleinstaaten werden sich am Wiederaufbau beteiligen – wenn auch in Grenzen. Denn in Qatar und Dubai blüht die Wirtschaft dermaßen, dass viele Baufirmen für Projekte im eigenen Lande ausgebucht sind.

Alle Regierungen am Golf sind erleichtert darüber, dass der unberechenbare, streitsüchtige Saddam Hussein gestürzt ist. Das gilt auch für das große Saudi-Arabien, wo manche geradezu in Feierlaune geraten sind. "Dies war der letzte Regionalkrieg", frohlockt der eher prowestliche saudische Kommentator Dschamal Chaschoggi, "wir werden sehen, dass die Probleme der Region mit dem Ende des alten Regimes im Irak enden." Sicherlich plagt die Regierenden in Riad eine gewisse Unsicherheit darüber, welche umstürzenden Ziele die Amerikaner ernsthaft und auf Dauer verfolgen wollen. Demokratisierung um jeden Preis? Regimewechsel allerorten? Oder doch nur die Beherrschung der irakischen Ölindustrie? Letzteres würde die Saudis nicht sonderlich beunruhigen. Ihre Ölreserven sind mehr als doppelt so groß wie die irakischen, ihre derzeitige Produktion fünfmal so hoch.

In Teheran vergießt gleichfalls niemand Tränen über Saddam Hussein, der den Iran in den achtziger Jahren mit Krieg überzog. Die Präsenz des "Großen Satans" im Nachbarland freilich trägt weniger zum Wohlbefinden der religiösen Führung bei. Zumal sich die Amerikaner auch schon im östlichen Nachbarland Afghanistan festgesetzt haben. Der ehemalige Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani hat deshalb vorsorglich angekündigt, Teheran werde keinen Pensionär der US-Armee als Machthaber im Irak anerkennen. Gemeint ist der US-Administrator in spe Jay Garner. Im Übrigen wartet Teheran ab, zumal die Amerikaner ihren kalkulierten Zorn gerade gegen andere lenken .

Befreiung? Pustekuchen!

Die syrische Regierung steckt wohl in der heikelsten Lage von allen Nachbarregimen des Iraks. Fast täglich beschuldigen US-Politiker einschließlich des Präsidenten das Land, Saddam Hussein noch über den jammervollen Sturz hinaus Schützenhilfe zu leisten. Erst soll Damaskus Nachtsichtgeräte in den Irak geliefert haben, nun gar den ganzen Clan des Diktators beherbergen. Und da die Massenvernichtungswaffen im Irak bisher nicht zu orten waren: Wo könnten sie sonst sein, wenn nicht in Syrien? Die Indizien scheinen gegen Damaskus zu sprechen, Beweise fehlen bislang.

Im Krieg hatte sich Staatschef Baschar al-Assad auf die Augenhöhe der arabischen Straße begeben und übte ätzende Kritik an der amerikanischen Invasion. Er öffnete die Grenzen zum Irak für Freiwillige im Kampf gegen die "Mächte des Bösen". Der Großmufti von Syrien rief zu Selbstmordattacken gegen die US-Soldaten auf. Assads Regierungspartei ist die gleiche Baath-Partei, die auch jahrzehntelang Saddam Husseins williges Werkzeug war. Dass der syrische und der irakische Flügel dabei leidenschaftlich zerstritten waren, spielt nun kaum eine Rolle. Vergessen sind auch die ungestümen Liebkosungen zwischen Saddam Hussein und dem Vater Baschars, Hafis al-Assad, die einander gern "Verräter" oder "Agenten des Zionismus" nannten.

Schöne neue arabische Welt

Doch nicht die Unterstützung des Iraks ist der eigentliche Grund für den Zorn Washingtons, sondern Syriens Politik gegenüber Israel. Baschar al-Assad bezeichnete vor kurzem wieder "Märtyrerattacken" als "legitime Mittel" des Kampfes gegen die israelische Übermacht. Politiker in Washington und Tel Aviv sehen die unsichtbare syrische Hand hinter dem Terror der Hisbollah-Milizen im Libanon, ja selbst hinter den Anschlägen palästinensischer Gruppen in Israel. Hamas-Führer, sagen die Amerikaner, gehen in Damaskus ein und aus. Damit rutscht Syrien, das die USA bisher im Antiterrorkampf mit Hinweisen und Informationsmaterial versorgte, auf die US-Liste jener Staaten, die Terror fördern. Marschieren die US-Truppen von Bagdad gleich weiter nach Damaskus? Unwahrscheinlich. Eher soll das Regime durch die schiere Drohkulisse zermürbt werden. Noch ein Verlierer des Krieges.

Bleiben zu guter Letzt die Beherrschten in der arabischen Welt. "Befreiung?" Pustekuchen, denken viele Araber. Sie sind deprimiert, dass die Amerikaner so schnell und triumphal gesiegt haben, dass weder Märtyrer-Attacken noch Fedajin-Taktik die Niederlage hinauszögern konnten. Auf den Demonstrationen in den arabischen Ländern wurden die Amerikaner nicht als Glücksbringer gefeiert, sondern als Kolonisatoren verdammt. Die US-Regierung von George W. Bush gilt außerdem wie keine vor ihr als bedingungsloser Vertreter der Interessen Israels. Deshalb sehen sich viele Araber – anders als manche arabische Regierungen – nicht als Gewinner.

Als Wiedergänger der Kreuzritter und Kolonialherren zu gelten – darin liegt nach dem Sieg im Irak die größte Gefahr für die Amerikaner. Dieses Image zu ändern ist schwer, aber nicht unmöglich. Zwischen Amerikanern und Arabern steht die Palästina-Frage. Würde die US-Regierung Israels Regierung und die Autonomiebehörde zwingen, den "Fahrplan" des Quartetts (Russland, EU, UN und Amerika) zu einer menschlich erträglichen Lösung des Konflikts rasch umzusetzen, hätten mehr Araber das Gefühl, in Washington verstanden zu werden. Ebenso wichtig ist die zweite Herkulesaufgabe: Der Irak muss sich zügig in einen arabischen Musterstaat verwandeln. Nach Möglichkeit demokratisch, stabil, ohne ethnische Konflikte und prosperierend sowieso. Nur das würde die autoritären arabischen Regierungen zu Reformen zwingen. Nur dann gehörten die Völker zu den Gewinnern. Bis dahin, so scheint es aber, ist noch ein wenig Aufräumarbeit zu bewältigen.