Eines Morgens klingelte es an der Tür, draußen stand ein mittelgroßer Herr mittleren Alters mit einer mittelgroßen Aktentasche. Er sagte: "Gesegnet sei der Name des Herrn. Ich bin von Beruf Engel. Lassen Sie uns über Gott sprechen." Ich sagte: "Ich komme gerade aus der Dusche." Der Engel erwiderte: "Das macht nichts."

Dann erzählte er die folgende Geschichte. Zu Anbeginn der Zeiten hatten alle Computer das gleiche Kennwort, alle Konten besaßen die gleiche PIN. Alles war happy und easy. Dann begannen die Menschen, den Supercomputer zu bauen, die Weltmaschine. Gott wurde wütend. Er sprach: "Amtsanmaßung! Zur Strafe wird von nun an jedes Elektronengehirn, jede Firma, jeder einzelne Vorgang eine eigene Kennung besitzen. Wie Blinde sollt ihr auf Erden umhertappen. Husch, ihr Betriebssysteme, zerstreut euch in alle Winde!"

Bei meinem PC zu Hause habe ich als Kennwort "Tunixx", weil ich das damals originell fand. Da hatte ich wohl schon was getrunken. Als wir im Büro Computer bekamen, war ich mental ein Stück weiter und habe ein betont sachliches Kennwort genommen, "Bochum", weil ich dachte, es ist sachlich, und da kommt keiner drauf. Im Büro haben wir auch ein Kennwort für die private Mailbox, das ist bei mir "Desade", wie der Marquis de Sade, über den habe ich in Romanistik Examen gemacht. In eine Mailbox schreibt man hinein, da bietet sich als Stichwort ein Schriftsteller an. Beim Internet-Banking habe ich "Zinsen" genommen, das kann ich mir auch gut merken. Büro, de Sade. Bank, Zinsen. Für den Internet-Broker habe ich mich für "Regina" entschieden, das ist eine eher private Sache.

Neulich wollte ich zum ersten Mal seit Jahren mit Fleurop Blumen versenden. Da wollte der Computer von mir mein Fleurop-Kennwort wissen. Es war mir gar nicht bewusst, dass ich ein Fleurop-Kennwort hatte. Und doch ist es so. Es lautet "Likoer" mit oe, weil ö nicht geht und ein Blumenname für die Blumenversandbetrüger zu einfach gewesen wäre. Ich denke bei Fleurop an ältere Damen, und das Zweite, woran ich bei älteren Damen denke, ist das Wort Likör.

Mit Kennwörtern ist es leicht, weil sie einen persönlichen Touch haben. PIN-Codes sind schwierig. Die Internet-Bank verlangt erstens ein Kennwort, zweitens die PIN, drittens eine Super-PIN und dazu noch ein Ding, welches "Identifier" heißt. Es ist eine Mischung aus Buchstaben und Zahlen, man muss es sich aufschreiben. Man darf aber keinesfalls dazuschreiben, wozu es gut ist. Sonst könnten Notizbuchdiebe Identifier-Miss-brauch treiben. Weil man nichts dazuschreiben darf, verwechselt man immer Super-PIN und Identifier, das Konto wird blockiert, und man muss die Servicenummer anrufen.

Die PIN-Codes, die man am häufigsten braucht, sind für das Handy und fürs Geldabheben. Einmal habe ich beim Eintippen am Geldautomaten einen Fehler gemacht. Kein Problem, zweiter Versuch. Der Automat meldete auch beim zweiten Mal: "Falsche Zahl!" Da habe ich mich aufs äußerste zusammengerissen und ganz konzentriert Nummer für Nummer getippt, Irrtum unmöglich. Dann habe ich gemerkt, dass es die ganze Zeit die Geheimzahl vom Handy war. Die EC-Karte war weg.

Der Engel sagte: "Es gibt eine Lösung! Gott ist der PIN-Code, der immer passt! Gott ist das Kennwort für all deine Konten! Gott ist dein Identifier und deine Super-PIN!" Dann verschwand er.