Komm, Pitti, hatte der Anwalt zum Angeklagten gesagt und den von der schwarzen Robe ummantelten Arm tröstend auf die Schulter seines betrübten Mandanten gelegt. Sie waren kurz vor Prozessbeginn gemeinsam den langen Flur auf und ab gegangen zwecks letzter Abstimmung der Dinge. Mauschelmauschel, murmelte es aus einer Gruppe von Frauen, die man für arbeitslose Sachbearbeiterinnen halten konnte. Das Arbeitsamt verordnete ihnen womöglich einen Tag Moabit; die Kleinkriminalität hat Konjunktur, da werden Sachbearbeiterinnen bei Gericht vielleicht gebraucht. Kannste mal sehen, überall wird gemauschelt, hatte die eine Vollschlanke der anderen Vollschlanken zugeflüstert.

Peter Dankert ist Techniker, 51 Jahre alt und war mal bei der Senats-Bauverwaltung angestellt. Er ist angeklagt, an der Dampferfahrt einer Betonbeschichtungsfirma teilgenommen zu haben, die von seiner Verwaltung mit einem Auftrag belohnt wurde. Sechs Jahre ist das jetzt her, sechs Jahre. Es steht zu vermuten, dass Dankert nur der Nachzügler eines größeren Schwarms von Dampferfahrern ist, doch das wird heute nicht mehr verhandelt. Schmal ist das Grenzland zwischen Kollegialität und Korruption, aus Bonhomie wird schnell Bestechlichkeit. Der schnauzbärtige Angeklagte erscheint im schlichten Pullover, eine Demonstration seiner einfachen Stellung, der eines kleinen Angestellten, der sich nach den Großen zu richten hatte: Ich bin davon ausgegangen, dass auf dem Dampfer ein Vortrag gehalten wird, unser Gruppenleiter, Herr Duchs, legte immer Wert darauf, dass wir an Fachveranstaltungen teilnahmen. "Die Firma Meringer lädt anlässlich ihres 5-jährigen Bestehens zu einer Dampferfahrt durch die Berliner Gewässer ein. Für ein reichliches Buffet ist gesorgt". Klingt nach einem angenehmen Nachmittag, meint die Richterin, klingt nach Akquisition, nicht nach Fortbildung, was hat Sie bewogen, daran teilzunehmen?

Dankerts Stimme zittert: Es war ein Umlauf, Herr Duchs hatte ihn unterschrieben, er war zwei Stufen über mir. Wenn höherrangige Leute sagen, das machen wir, und ich sage, ich mache nicht mit – was für ein Arbeitsklima soll denn da entstehen? Sein Gesicht wird hochrot, fast bricht er in Tränen aus: Ich verstehe das alles nicht. Ich habe immer versucht, das Beste für das Land Berlin zu tun. Und plötzlich haben sich vor meinem Büro Polizisten mit Maschinengewehren postiert, ich verstehe das immer noch nicht.

Als Zeuge wird nicht Herr Duchs gehört – wo mag der abgeblieben sein? –, als Zeuge erscheint Herr Hoffmann, Bauingenieur im Ruhestand, damals ein hohes Tier in der Verwaltung und zur Zeit der Dampferfahrt in Urlaub. Welche Haltung hätten Sie denn zu der Einladung gehabt?, fragt ihn die Richterin. Die Aussage des einstigen Vorgesetzten ist klipp und klar: Ich hätte den Kopf geschüttelt. Dann allerdings erinnert sich der Herr im Einreiher an Richtfeste, die Firmen veranstalteten, mit denen man sich jahrelang gezofft hatte. Am Ende trank man brüderlich zusammen, wie das unter Bauleuten so üblich sei. Vom Vergnügen zum Vergehen ist eben nur ein kleiner Schritt.

Das Gericht legt eine Pause ein, in der Staatsanwalt, Verteidiger und Richterin sich einigen. Das Verfahren wird eingestellt, mit der Auflage, dass der Angeklagte 2000 Euro an das Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V. zahlt. So wird für Pitti Dankert die Dampferfahrt von damals doch noch zu einem teuren Vergnügen, aber auch zu einer guten Tat.