In Zeiten des Krieges, in denen die Flut zensierter Bilder und gezielter Desinformationen uns zu überwältigen droht, könnte es ratsam sein, sich ein wenig von den aktuellen Geschehnissen ab- und den Klassikern der Geschichtsschreibung einmal wieder zuzuwenden. "In der Natur vorwaltender Mächte", so hat Leopold von Ranke bemerkt, "liegt es nicht, sich selbst zu beschränken: die Grenzen müssen ihnen gesetzt werden." Ranke wusste, wovon er sprach. Noch als junger Mann hatte er den Versuch Napoleon Bonapartes miterlebt, den europäischen Kontinent seiner Herrschaft zu unterwerfen. "Noch drei Jahre, und ich bin der Herr des Universums", triumphierte der Welteroberer 1811. Drei Jahre später war es mit seiner Herrlichkeit vorbei.

Ganz in der Tradition des Großmeisters Ranke veröffentlichte der Marburger Historiker Ludwig Dehio 1948, drei Jahre nach dem Ende der Hitler-Tyrannei, sein Buch Gleichgewicht oder Hegemonie, Untertitel: Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatengeschichte (neu herausgegeben von Klaus Hildebrand; Manesse, Zürich 1996) – ein großer Wurf, der in der Kühnheit der Gedankenführung und der Originalität der Interpretation seinesgleichen nicht wieder gefunden hat. Es lohnt sich, vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Weltlage, sich dieses Werk noch einmal vorzunehmen.

Dehio sah in dem Wechsel zwischen einer labilen balance of power und dem Streben nach Vormacht das eigentliche Bewegungsgesetz des Staatensystems seit der frühen Neuzeit. Fünfmal, so zeigte er, war der europäische Kontinent durch die wiederkehrende Tendenz zur hegemonialen Machtbildung erschüttert worden: durch das Spanien PhilippsII., das Frankreich LudwigsXIV., das Empire NapoleonsI., schließlich durch das Deutschland WilhelmsII. und das "Dritte Reich" Adolf Hitlers. Und jedes Mal waren es die "Flügelmächte", vorab England, später, seit Napoleon, Russland und, mit dem Ersten Weltkrieg, auch die Vereinigten Staaten, die der stärksten Kontinentalmacht entgegentraten und sie in die Schranken wiesen. Mit dem Griff des nationalsozialistischen Deutschland nach der Weltherrschaft fanden diese Hegemonialkämpfe, laut Dehio, nicht nur ihre äußerste Steigerung, sondern zugleich ihr Ende.

Dehio sah aber auch voraus, dass mit dem "endgültigen Verschwinden des alten europäischen Hegemonialproblems" ein neues Weltproblem, der Konflikt zwischen den Siegermächten, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, sich auftun würde. "Kaum, daß das letzte Gewitter sich entladen, ballt sich ein neues zusammen." Im Zeichen der möglichen atomaren Vernichtung bildete sich ein "Gleichgewicht des Schreckens" heraus – ein wenig komfortabler, aber, wie man nun rückschauend erkennen muss, segensreicher Zustand, denn er verhinderte, dass eine einzige Macht die Geschicke der Welt dominieren konnte.

Das hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geändert. Seitdem gibt es nur noch eine Supermacht, die Vereinigten Staaten, und sie agieren unter der Präsidentschaft des George W. Bush auch unverhüllt als solche – ohne Rücksicht auf Völkerrecht und Weltöffentlichkeit. Einen "Griff der USA nach der informellen Weltherrschaft" vermutet einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart, Heinrich August Winkler, dessen zweibändiges Werk Der lange Weg nach Westen (Sonderausgabe; C. H. Beck, München 2002) schon jetzt zu den Klassikern zählt, hinter der gegenwärtigen Politik der Bush-Regierung.

Dieser Hegemonialmacht, die sich von ihren eigenen Werten entfernt, müssen Grenzen gesetzt werden – und wer wäre dazu aufgrund seiner leidvollen Erfahrungen nicht eher berufen als dasalte Europa? England, die klassische Macht der balance of power, hat sich unter Tony Blair ins Schlepptau der USA begeben, aber es zeigen sich auch Ansätze, in Europa eine Gegenmacht zu bilden. Sie sollten ausgebaut werden.

Das Einzige, was man tadeln könne, bemerkte Friedrich Meinecke über Dehios Werk, sei, "dass es zu reich ist an Gedanken und … dem Leser auf einmal zu viel zumutet". Aber so ist es mit den Klassikern der Geschichtsschreibung: Man muss sie immer wieder lesen und kann dabei entdecken, wie aktuell sie sind. Und sie halten eine wichtige Lehre bereit: Jeder Versuch einer Macht, die Welt zu beherrschen, ist bislang gescheitert. Auf die Hybris folgt die Nemesis.