Seit die Deutsche Bahn AG mit ihrem neuen Preissystem das Reisen erschwert, erlebt eine andere Branche einen unerwarteten Boom – die Mitfahrzentralen. "Im Vergleich zum Vorjahr ist die Nachfrage bei uns um mehr als 20 Prozent gestiegen", sagt Eva Bode, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Mitfahrzentralen (ADM) in Berlin. Vor allem Berufspendler und Leute, die regelmäßig mit dem Auto bestimmte Strecken fahren, bieten über die Zentralen die Mitnahme an. Mitfahren scheint derzeit trendiger als Trampen. Einer der Gründe dafür ist wohl auch, dass die Zentralen ihren Service konsequent verbessert haben. Beispiel Versicherungsschutz: Mitfahrer können sich heute bei vielen Agenturen gegen einen geringen Aufpreis für den Fall von Pannen oder Invalidität versichern. Bei Fahrtausfall wird außerdem für Ersatz gesorgt.

Die Anbieter sind teilweise hoch spezialisiert – sei es auf Fußballfans, Tänzer, Singles oder Frauen, die eine Fahrerin bevorzugen. Im Internet bieten cyberlift.de, she-drives.de oder gaydrive.de ihre Dienste an. Und wer nicht nur in Deutschland unterwegs sein will, findet auch für eine Tour nach Albanien oder Weißrussland, Finnland oder die Türkei entsprechende Offerten zu Preisen, die im Schnitt zwei Drittel unter denen der Bahn liegen.

"Gute Straßen, gute Autos und zu hohe Bahnpreise" sind ein weiterer Grund für die Popularität der Agenturen gerade in Deutschland, sagt Hans Ludwig Klaus, Vorsitzender des Verbandes der Citynetz-Mitfahrzentralen, der bundesweit 14 Niederlassungen unterhält. Hauptkonkurrent und Branchenprimus ADM bringt es auf 33Mitglieder. Hinzu kommen zahllose Online-Anbieter.

Das Prinzip bleibt immer gleich: Per Telefon oder Internet nennt ein Autofahrer seine Fahrtroute und gibt zugleich an, wie viele Plätze in seinem Wagen frei sind. Dann vermittelt die Agentur ihm Mitfahrer, die eine geringe Verwaltungspauschale bezahlen sowie einen Fixpreis, der sich an der Strecke orientiert. Daneben sind auch individuelle Absprachen üblich. Die Kosten richten sich dann nach Spritverbrauch und Zahl der Mitfahrer.

Eine Fahrt von Berlin nach Köln zum Beispiel (rund 650 Kilometer) kostet circa 27,70 Euro, von denen 9,20 Euro an die Agentur, die restlichen 18,50 Euro als Spritbeitrag an den Fahrer gehen. Wer wie der 29-jährige Münchner Innenarchitekt Sebastian Rauscher mehrere Fahrgäste mitnimmt, kann ohne weiteres die eigenen Benzinkosten einsparen. Erst kürzlich wieder besuchte er einen Freund in Köln. "Über das Internet habe ich in zwei Tagen drei Interessenten gefunden. Wir haben uns in München verabredet, und jeder hat sich mit 20 Euro an den Benzinkosten beteiligt. Am Ende hatte ich 5 Euro übrig", erzählt er.

Bahn und Flugzeug können mit solchen Preisen nicht mithalten: Eine Tour von Berlin ins 1100 Kilometer entfernte Paris etwa kostet bei einer Mitfahrzentrale 48 Euro. Der Billigflieger Germanwings berechnet seinen Passagieren schon etwa 108 Euro, landet aber in Köln zwischen, und eine einfache Fahrt mit der Bahn von der Spree an die Seine kostet mit Reservierung zum Normalpreis 153 Euro – mit Umsteigen. Hans Ludwig Klaus, der mit seinen Kollegen rund 500 Anfragen pro Woche bearbeitet, nennt noch einen weiteren Vorzug: "Man kann nette Leute kennen lernen und tolle Gespräche führen."

Zwischen den Großstädten pendeln regelmäßig genügend Menschen, um Fahrer oder Mitfahrer zu finden. In ländlichen Gegenden allerdings ist das Netz noch nicht engmaschig genug. Ein weiteres Problem ist die Zuverlässigkeit. Das bekam auch Sebastian Rauscher bei seiner Rückfahrt von Köln zu spüren. Eine Mitfahrerin sagte erst fünf Minuten vor der Abfahrt per SMS ab.