Blickkontakte sind Initialzünder für Wolfgang Bergmann. Das war schon so, als er mit 18 Jahren seinem Klassenlehrer eine Ohrfeige verpasste. "Wir standen uns gegenüber, fixierten uns, ich sah in dieses verhasste Gesicht, und dann…" – Schulverweis, kurz vor dem Abitur. Inzwischen ist aus dem Rebellen von einst ein gelassener Mitfünfziger geworden, der in seiner kinderpsychologischen Praxis in Hannover just solche Kinder therapiert, die in der Schule aus dem Rahmen fallen: Unruhestifter, Zappelphilippe, Schwänzer, Schläger, die ihre Eltern in die Verzweiflung und Lehrer in die Frühpensionierung treiben. Wenn weder Schulverweise noch andere Strafen oder Therapien fruchten, dann darf sich Wolfgang Bergmann mit ihnen herumschlagen.

Was macht man mit solchen Kindern? Die Schulmedizin verpasst ihnen in der Regel eine Diagnose: Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS), meist gekoppelt mit Hyperaktivität, landläufig als Zappelphilipp-Syndrom bekannt. Glaubt man den Statistiken, so hat ADS inzwischen das Ausmaß einer Epidemie angenommen. Weltweit sind schätzungsweise zehn Millionen Kinder betroffen, in Deutschland 170000 bis 350000. Und diese müssen nach Meinung der meisten Mediziner behandelt werden. Entweder mit einer Therapie oder – wenn das nicht hilft – indem man die Kinder mit Psychopharmaka wie Ritalin ruhig stellt.

Doch für den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann ist das grundfalsch. Der Vater dreier Kinder und Autor von Büchern mit Titeln wie Gute Autorität oder DigitalKids vertritt eine radikal andere Position, die ihm bei Pädagogen viel Aufmerksamkeit und bei Kinderpsychiatern große Ablehnung eingetragen hat. "Was als ADS bezeichnet wird, ist oft keine Störung und schon gar keine Krankheit", behauptet Bergmann. Die ADS-Kinder seien eher die typischen Kinder des Medienzeitalters. Und ihr sonderbares Verhalten sei auch die Reaktion auf eine Umgebung, die ihnen mit Unverständnis und Ablehnung (in der Schule) oder mit hilfloser Nachsicht (im Elternhaus) begegnet.

"Ich rede wie der letzte Spießer"

Natürlich ist diese Theorie angreifbar. Das weiß auch Bergmann. Doch ihm geht es nicht in erster Linie um die Theorie, sondern um die Praxis. Wissenschaftlich mag man sich noch lange darüber streiten, was es denn nun mit ADS und den neuen Kindern auf sich hat – "Handeln muss man trotzdem!", sagt Bergmann. Wenn ihm täglich in seiner Praxis Kinder und Jugendliche gegenübersitzen, die in der Schule versagen, keine Freunde haben, über- oder autoaggressiv sind, dann zählt die Theorie wenig. Wichtiger ist der erste Blickkontakt. "Danach weiß ich oft schon, ob und wie ich mit ihnen klarkomme", sagt Bergmann. Denn dieser Blick sei wie eine stillschweigende Übereinkunft, eine unausgesprochene Abmachung, die da lautet: "Ich helfe dir raus aus dem ganzen Mist, und du hältst dich dafür an das, was ich dir sage."

Dass dies häufig funktioniert, liegt vielleicht auch einfach daran, dass die Jugendlichen in Bergmann einen Gleichgesinnten entdecken, einen Unangepassten, der, wie er selbst sagt, auf einen "eher konfusen Lebensweg" zurückblickt. Nach einem verspäteten Abitur und Pädagogikstudium erkannte er als Grundschulreferendar die Schule als "zutiefst kinderfeindlichen Ort". Stattdessen arbeitete er in sozialen Projekten für verhaltensauffällige Jugendliche. Gleichzeitig, "wie in einer Art Doppelexistenz", lebte er in der Medienwelt: als Lokalredakteur bei der Neuen Westfälischen, als Gründungs- und Chefredakteur der Zeitschrift für Sozialpädagogik; später war er Fernsehprogrammentwickler bei Bertelsmann, dann Leiter einer Werbeagentur. In Berlin kurz nach der Wende leitete er tagsüber die Deutsche Lehrerzeitung und tummelte sich nächtens in der Techno-Szene oder schrieb Bücher. Das aufreibende Leben endete eines späten Morgens vor etwa sechs Jahren, als Bergmann mal wieder nicht so genau wusste, wo er eigentlich erwacht war und zwei kleine Jungen an der Bettkante vorfand mit dem Satz: "…wollten wir Sie fragen, ob Sie nicht unser Papa werden möchten". Er nahm den Antrag an, wurde Familienvater und bürgerlich. Die Jungen haben inzwischen noch eine Schwester bekommen, und seit gut fünf Jahren tut Bergmann endlich das, was er immer schon wollte: sich mit schwierigen Kindern beschäftigen – nicht nur mit den eigenen.

Wer allerdings in Bergmanns Praxis alternativ-kreatives Chaos erwartet, wird enttäuscht. Hier herrscht Ordnung. Der Therapeut sitzt in der geräumigen Altbauwohnung hinter einem großen schwarzen Schreibtisch. Seine "Patienten" müssen vor dem einschüchternden Möbelstück Platz nehmen, Bergmann blickt ihnen streng ins Auge, und dann wird erst einmal geredet – meist über Disziplin und Ordnung. "Ich rede mit denen wie der letzte Spießer", sagt der Kinderpsychologe.

Bei einem Schüler hat es zum Beispiel eine Schlägerei gegeben. "Erzähl mal, was ist passiert?"– "Also, da ist so’n Dödel gekommen, der hat mir eine reingehauen, und dann hab ich eben zurückgehauen. Das hätten Sie auch getan." – "Wo bist du genau gewesen, als es losging?" – "Also, ich hab oben auf der Treppe gesessen, da kam der an mir vorbei und hat mich gehauen." – "Wie, der ging an dir vorbei, dreht sich noch mal um, geht die Treppe wieder rauf und haut dir eine rein?" – "Also, kann sein, der ist über meinen Fuß gestolpert. Der ist eben blöd." Wenn sich dann im Gespräch herausstellt, dass der Fuß vielleicht doch nicht so ganz von allein ausgefahren wurde, wertet Bergmann das bereits als Therapieerfolg. Normalerweise, sagt er, streiten solche Kinder grundsätzlich alles ab, auch wenn sie offenkundig überführt werden. Dabei lügen sie nicht einfach, sondern sind aufrichtig von dem überzeugt, was sie sagen. "Die stehn da mit dem geklauten Geld in der Hand und sagen einem ins Gesicht: ,Das war ich nicht‘ – ein Riesenausmaß an Realitätsverleugnung", sagt Bergmann und lacht vergnügt dabei. Wenn nicht geredet wird in der Therapiestunde, wird häufig geschrieben. Schrift sei nämlich "Einübung in die gesellschaftliche Kultur", meint der Pädagoge. Und wenn ein Kind nicht richtig schreiben lernt, dann, so ist er fest überzeugt, "bleibt es desorientiert und seiner eigenen Kultur teilweise entfremdet". Gelegentlich nutzt er auch die Faszination des Computers als Therapiehilfe – Ballerspiele sind streng verboten. Der Computer verführe zu hoher Konzentration und lenke die Aufmerksamkeit auf Aufgaben, vor denen die Kinder sonst zurückwichen.

In gut 70 Prozent aller Fälle, so lautet seine eigene Erfolgsbilanz, bessere sich das Verhalten innerhalb von fünf bis sechs Wochen. Von "Heilung" spricht er wohlweislich nicht – schließlich hält er die meisten seiner jungen Patienten ja auch nicht für krank. Sein Behandlungsziel ist erreicht "wenn die Kinder lernen, Freundschaften zu schließen, auf dem Schulzweig sind, wo sie ihrer Begabung nach hingehören, und wieder richtige Eltern haben und nicht zwei genervte hilflose Wesen". Vor allem die Eltern nimmt er in die Pflicht: "Kinder brauchen den elterlichen Schutz, eine Autorität der Verlässlichkeit, die immer Lenkung, Leitung und Eindeutigkeit ist."

Mit seinen Thesen findet Bergmann inzwischen auch auf Erziehungskongressen Gehör. Wenn er allerdings kindliches Fehlverhalten vor allem auf Versäumnisse der Umgebung und der Eltern zurückführt, sträuben sich orthodoxen Vertretern der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Nackenhaare. "Für mich ist es problematisch, wenn Erkrankungen, die aus psychiatrischer Sicht klar auf biologische Ursachen zurückgehen, allein als Erziehungsphänomene erklärt werden", kritisiert etwa Beate Herpertz-Dahlmann, Jugendpsychiaterin an der RWTH Aachen. Es reiche nicht, aus einer privaten Praxis mit Einzelfallerfahrungen heraus apodiktisch allein die Eltern für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich zu machen. "Unwissenschaftlich", lautet ihr Urteil.

"Bergmann ist in Deutschland der Einzige, der sich so intensiv mit der Bedeutung der modernen Medien für die Kinder befasst", urteilt dagegen der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther, der selbst das ADS-Syndrom erforscht. Wie eine Reihe anderer Neurobiologen teilt Hüther Bergmanns Kritik am Einsatz von Psychopharmaka. "Wenn wir das kindliche Hirn mit diesen Mitteln voll schütten, dann ändert es seine Arbeitsweise, seine Entwicklung und Ausreifung, und keiner weiß, wie."

Auch der Therapeut rastet mal aus

Deshalb versucht Wolfgang Bergmann es lieber mit Reden, Schreiben oder Computerspielen. Den Größeren bietet er etwa Grim Fandango an, ein mystisches Totenmaskenspiel; mit den Kleineren spielt er Töff-Töff rettet den Zoo. Am Computer habe so ein kleiner Chaot ganz allein die Fäden in der Hand. Hier müsse er tun, was er sich im Alltag schon lange nicht mehr zutraut: entscheiden, wo’s langgeht. Und manchmal komme es vor, dass so ein Zappelphilipp ihn bei einem verzwickten Computerproblem ermahnt: "Jetzt haben Sie doch mal ein bisschen Geduld, Herr Bergmann!" Häufig sitzen dann Eltern bei ihm in der Praxis und fragen sich: Wie macht der Mann das? Mehr Konsequenz, Strenge, Fernsehverbot und so, das hätten sie ja auch versucht, aber alles vergeblich. Nicht selten zeigten vor allem Väter Anwandlungen von Eifersucht, wenn sie sehen, wie ihr renitenter Sprössling auf einmal freiwillig den Platz vor dem Fernseher räumt und verkündet: "Ich muss noch Hausaufgaben für Herrn Bergmann machen, der rastet sonst morgen aus."

Der Kinderpsychologe selbst kann stundenlang darüber reden, wie er solche kleinen Erziehungswunder bewirkt – erklären kann er sie letztlich nicht. In seinen zahlreichen Büchern stehen zwar viele kluge Betrachtungen über die neuen Kinder und die Medien. Aber Bergmanns oft erfolgreicher Umgang mit schwierigen Jugendlichen ist mit Theorie allein nicht zu verstehen. Sein ehemaliger Vorgesetzter Martin Bonhoeffer, der Leiter eines Berliner Jugendprojekts, sagte dazu: "Das ist der unbewusste Kontakt der Unangepassten, was da so gut funktioniert." Bergmann wäre nicht der erste Therapeut, der sich immer auch selbst therapiert.

Wolfgang Bergmann war unter anderem Chefredakteur und Medienmanager, bevor er eine Praxis für Kinder- und Jugendtherapie eröffnete. Im Umgang mit den "neuen Kindern" setzt der Autor zahlreicher Bücher auf Gelassenheit, Ordnung und das, was er "gute Autorität" nennt. Auch gemeinsames Quatschmachen gehört ins Repertoire seines Erziehungsprogramms - wie hier mit Tochter Maria-Magdalena