Vor sieben Jahren stellte der junge amerikanische Historiker Daniel Goldhagen seine Holocaust-Studie Hitler’s Willing Executioners (Hitlers willige Vollstrecker) in den Vereinigten Staaten vor. Heftigsten Widerspruch erntete eine seiner Thesen, dass der Völkermord an Europas Juden das historisch vorbestimmte Resultat eines längst absehbaren "eliminatorischen Antisemitismus" darstelle. Er sei in Deutschlands Geschichte angelegt gewesen wie ein mörderischer Dämon. Ganz nebenbei lastete der Autor mit dieser Behauptung den deutschen und österreichischen Juden eine ungeheure Mitverantwortung an ihrem eigenen Schicksal auf. In der Verblendung ihrer Emanzipation hätten sie nicht nur ihr Judentum aufgegeben, sondern auch die kommende Gefahr unterschätzt.

Die Kritik amerikanischer und israelischer Historiker an Goldhagens Buch – unter ihnen Peter Gay, Fritz Stern, Arno Mayer und Saul Friedländer – geriet in den Schatten von Goldhagens Bestseller-Erfolg. Ihrem wichtigsten Einwand, dass die wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Erfolgsgeschichte der Juden im 19. und 20. Jahrhundert nicht möglich gewesen wäre in einem Klima von mörderischem Antisemitismus, ist Amos Elon mit seiner Studie Zu einer anderen Zeit nachgegangen.

Geschichte verdichtet sich in Lebensläufen

Elon zählt zu den wenigen kosmopolitischen Publizisten unserer Zeit. Er lebt in Jerusalem und Italien, ist Autor der New York Review of Books (und gelegentlich auch der ZEIT) und hat mit Büchern über Theodor Herzl und Meyer Amsel Rothschild den Grundstein für sein Porträt der deutsch-jüdischen Epoche zwischen 1743 und 1933 gelegt. Das Erkenntnisziel seines jüngsten Buches gilt in erster Linie nicht der Antwort auf die Frage: "Wie war der Völkermord möglich?" Angesichts des biografischen Reichtums seiner Studie und der unbestreitbaren Höhepunkte der deutsch-jüdischen Geschichte stellt sie sich allerdings mit unverminderter Vehemenz aufs Neue.

Auch will der Autor nicht in Konkurrenz mit der profunden vierbändigen Deutsch-Jüdischen Geschichte in der Neuzeit treten, die im Auftrag des Leo Baeck Instituts herausgegeben wurde. Vielmehr zählt Elon zu jener in Deutschland raren Spezies journalistisch arbeitender Historiker, denen es gelingt, Geschichtsverläufe in einem kaleidoskopischen Bild beispielhafter Lebensläufe zu verdichten. Und er kann schreiben: "Im Herbst 1743 stand ein vierzehnjähriger Junge vor dem Rosenthaler Tor, dem einzigen in der Berliner Stadtmauer, das für Juden (und Vieh) zugelassen war… der Knabe, der später in ganz Europa als der berühmte Philosoph Moses Mendelssohn Anerkennung finden sollte, war klein und schmächtig für sein Alter. Er hatte dünne Arme und Beine, einen Buckel und stotterte." So beginnt das Buch. 200 Seiten später lesen wir: "Um die Jahrhundertmitte waren nur noch vier der sechsundfünfzig Nachkommen Moses Mendelssohns Juden. Als der letzte starb, erlebten die zum Begräbnis angereisten Verwandten zum ersten Mal den jüdischen Ritus."

Das Akkulturationsdrama eines säkularisierten oder konvertierten Judentums ist Elons Thema. Nach endlosen Jahrhunderten der Verfolgung, gesetzlicher Marginalisierung und kirchlich sanktionierter Unterdrückung öffneten Aufklärung und Revolution die Türen zur Emanzipation auch für Deutschlands Juden. Ihre Schrift-Tradition von Gelehrsamkeit und Bildung war die Voraussetzung zur Teilnahme an der großen geistigen Kehre Europas, hin zur Wissenschaft – und zu den Menschenrechten. Doch die neue Toleranz, in der die jungen Geistesgrößen in Mendelssohns Gefolge, die Heines und Börnes, die talentierten Berliner Gelehrten und Literaturfreunde jüdischen Glaubens aufblühten, war von Anfang an prekär, eingeengt vom Standesdünkel des Adels, der sich wohl gerne in den Salons der Rahel Levin und Henriette Herz einfand, doch zu einer Gegeneinladung in seine Schlösser und Stadtpalais keinen Grund sah.

Im nationalistischen Taumel der Befreiungskriege versank schließlich die ursprüngliche Salon-Utopie jüdischer Emanzipation. Im gleichen Maße, in dem die Deutschen "zu sich selbst" fanden, grenzten sie die Juden wieder aus. Konversionen waren die Folge, und Elon widmet diesem Phänomen eine längst fällige, ausführliche Betrachtung. Wahrscheinlich die Hälfte von Deutschlands Juden wechselte nach 1850 zumal in den Großstädten den Glauben, nicht selten "aus Nützlichkeitserwägung", ein wenig vergleichbar den heutigen, millionenfachen Kirchenaustritten aus steuerlichen Gründen. Mehr noch – die Taufe versprach Gleichheit, doch das Versprechen erfüllte sich nicht. Was immer sonst die Gründe für den Glaubenswechsel gewesen sein mögen – er warf die Getauften in Existenzkrisen und Selbstzweifel. In den Worten Rahel Varnhagens: "Was so lange Zeit meines Lebens mir größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen." Sie sah sich schließlich als Opfer in der Nachfolge Christi.

Die 48er Revolution führte 16 jüdische Abgeordnete (von insgesamt 300) in die Paulskirche, unter ihnen sieben getaufte. Das Wahlrecht war demokratischer als irgendwo sonst auf der Welt. Der prominenteste unter ihnen, Johann Jacoby, Abgeordneter des Preußischen Landtags, sollte in die Geschichte eingehen, als er dem erbosten König Friedrich WilhelmIV. während eines Besuchs im Potsdamer Schloss zurief: "Das ist immer das Unglück der Könige gewesen, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen!" Einer Haftstrafe entging er knapp.