Ob UN-Generalsekretär Kofi Annan wusste, was er sich einhandelte, als er Jean Ziegler zu seinem Spezialberichterstatter für das Recht auf Nahrung machte? Immerhin war der in Genf und an der Pariser Sorbonne lehrende Soziologe und langjährige sozialdemokratische Abgeordnete im Schweizer Parlament als Enfant terrible und Provokateur so bekannt wie berüchtigt. Doch dass er jetzt die Vereinten Nationen dank seines Amtes und der darin erworbenen Kenntnisse von innen angreift, irritiert in UN-Kreisen gleichwohl. Erst recht nicht erbaut über den Genfer sind die Vereinigten Staaten, die ihm überdies seine markigen Appelle zugunsten der Armen vor der UN-Generalversammlung übel nehmen: "Ziegler missbraucht sein Mandat", tönt es aus Washington.

Früher war seine geliebte und gerade deswegen kritisierte Heimat Zielscheibe von Zieglers Angriffen. Mit ihnen erregte er weltweit Aufsehen und verstörte seine Landsleute. Inzwischen legt er sich gleich mit den Mächtigen der Welt an, mit geldgierigen Kapitalgebern und machtgierigen Managern, assistiert von "Söldlingen", wie er sie nennt, in internationalen Organisationen und von Politikern – sofern sie nicht gleich mehrere Eigenschaften in einer Person verkörperten wie die Ölbarone George W. Bush und sein Adlatus Dick Cheney. Für Ziegler ist der Dritte Weltkrieg in vollem Gange. Hunger, Durst, Seuchen und Krieg forderten heute jedes Jahr mehr Opfer als seinerzeit der Naziwahn. Er spricht von 100000 Hungertoten, und das pro Tag.

Ziegler wäre nicht er selber, schreckte er vor markigen Worten und gewagten Vergleichen zurück. Dennoch erscheint sein Buch fundierter als dessen Vorläufer. Bereits früher lag der Linkspopulist häufig richtig, wenn er auf Missstände hinwies. Doch allzu oft nahm er es mit den Fakten nicht sonderlich genau, was ihm zwar kaum im frankophonen Sprachraum, wo er an Universitäten gelesen und zitiert wird, wohl aber hierzulande geschadet hat. Wies man ihn darauf hin, pflegte er verwundert einzuwenden: "Das sind doch Petitessen angesichts der Dramatik der Lage."

Diesmal ging er solider ans Werk: Er nennt Quellen und Belegstellen. So manche pikante Passage – rund ein Drittel des Manuskripts – fiel bei der Überarbeitung weg. Was übrig blieb, reicht freilich für ein apokalyptisches Bild einer Welt, in der sich immer mehr Menschen von der Gesellschaft abwendeten und in den Egoismus flüchteten, einer Welt, in der die Nationalstaaten abgedankt hätten und der "Dschungelkapitalismus" regiere. Dabei befänden sich die Vereinten Nationen in einer absurden Doppelrolle: Zum einen bekämpften die UN das Elend mit milliardenteuren Programmen, zum andern machten ihre Organe wie Weltwährungsfonds und Weltbank die Anstrengungen gleich wieder zunichte.

Das derzeit dominierende Modell, die neoliberale, globale Herrschaft, stehe, so Ziegler im völligen Widerspruch zu dem, was er "die Vision der Geschichte" nennt, nämlich eine menschliche Gesellschaft, in der der Mensch Vorrang vor dem Kapital habe und Vernunft, nicht Macht regiere. Er widerspricht der These, es käme von allein zu einer Umverteilung der Reichtümer, sobald alle Märkte frei wären; er bestreitet entschieden, dass es sich bei der heutigen Armut bloß um "übrig gebliebenes Elend" handle, das verschwände, sobald genug Wohlstand nach unten durchsickere. Was Ziegler nicht beweisen kann, versteht er zumindest mit zahlreichen, in der Tat oft himmelschreienden Beispielen zu illustrieren.

Doch wo bleibt die Hoffnung? An die Renaissance der bisherigen Nationalstaaten glaubt er nicht. Den Vereinten Nationen traut er die Rettung der Welt nicht zu. Zu linken Ideologien ist er auf Distanz gegangen und schreibt heute: "Sartre hatte Unrecht", als er im Stalinismus lediglich "die blutige Fratze eines geliebten Gesichts" des Kommunismus sah. Ziegler fürchtet eine Flucht in Bewegungen wie Opus Dei oder Hamas, wie die algerische FIS, die Republika Srpska oder die Anhänger Rabbi Meir Kahanes. Nein, wenn etwas Anlass zu Zuversicht böte, dann die keimende "planetare Zivilgesellschaft", in der sich in kurzer Zeit Millionen versammelt haben, weitgehend ohne Hierarchie, dafür hyperaktiv und pragmatisch, ideologiefern, dezentral – eine Art "lebendes Internet", wie Ziegler es nennt. Man kann ihn blauäugig nennen, was ihm wohl klar ist und was er vorwegnimmt, indem er von einem bestenfalls hinkenden Aufbruch in eine neue Zeit spricht. Ohnehin braucht man sein Pamphlet nicht in allen Punkten ernst zu nehmen. Doch zur Kenntnis nehmen sollte man es schon.