Dem Augenblick gilt die ganze Leidenschaft des Kritikers und Theoretikers Karl Heinz Bohrer. Seit dem Band über Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins von 1981 (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main) handeln seine zahlreichen Publikationen von der Gegenwärtigkeit der Gegenwart und ihrer Darstellung in der modernen Literatur. Seine Erkundungen sind jedoch nicht auf das Feld der Ästhetik beschränkt geblieben. Im Lauf der Jahre hat Bohrer seine an literarischen Beispielen geschulten Zeit-Analysen um historische und politische, ethische und allgemein philosophische Reflexionen erweitert. Dabei lässt er sich von dem Kriterium leiten, ob die untersuchten Texte und Kontexte der Zeitlichkeit der erlebten Zeit gerecht zu werden vermögen. Für Bohrer heißt das: ob sie für die ebenso betörende wie verstörende Erfahrung des Augenblicks offen sind. Eines Augenblicks, der eine Sprengung des Kontinuums der gedeuteten Welt bedeutet, die nicht auf die übrige, sei es historische, sei es biografische Zeit verrechnet werden kann. Die Erfahrung des Plötzlichen erinnert ein ums andere Mal daran, das das historisch, kulturell und existenziell unmöglich Erscheinende möglich werden kann. In Bohrers Händen wird daraus ein weitreichender Prüfstein persönlicher Freiheit und politischer Souveränität. Demnach unterscheiden sich vernebelte und wache Deutungen des individuellen und sozialen Lebens darin, ob das Bewusstsein der Kontingenz und Endlichkeit menschlicher Verhältnisse durchgehalten werden kann.

Das sind starke Impulse, mit denen Bohrer die interessierte Öffentlichkeit zuverlässig versorgt. Eine gute Einführung in seine zentralen Motive bietet eine jetzt erschienene Sammlung von Essays und Vorträgen. Der Titel Ekstasen der Zeit spielt auf Heideggers Analysen in Sein und Zeit an, in denen dieser die innere Verbindung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft herausarbeitet. Bohrer folgt diesem Gedanken, jedoch mit erheblichen Korrekturen. Anstelle des Seins setzt er wieder das Subjekt ins Recht: Es ist die subjektiv erfahrene Gegenwart des Lebens, die immer schon auf Vergangenheit und Zukunft bezogen ist. Und er rehabilitiert die unwiederbringlich vorübergehende "vulgäre Zeit", an der das Subjekt eine harte Grenze seiner Dauer erkennt. Gestützt auf Kronzeugen wie Giacomo Leopardi, Charles Baudelaire, Virginia Woolf und E. M. Cioran, entwickelt Bohrer hieraus die Position eines "poetischen Nihilismus", der mit den noch bei Heidegger und Adorno gängigen Beschönigungen des Todes und damit des Lebens aufräumen möchte. Der Augenblick der existenziellen Erfüllung selbst, so lautet der zentrale Hinweis, ist ein durch und durch von der Zeit infizierter Zustand – eine Gegenwart, die im Augenblick ihres Eintretens schon gewesen und also Erinnerung ist.

Hier, wo Bohrer die Themen seiner Bücher Der Abschied (1996) und Ästhetische Negativität (2002) variiert, argumentiert er so überzeugend, dass er sich nur aus Gründen mangelnder Konsequenz in Widersprüche verstrickt. Zum einen wird aus der Zeitlichkeit der Erfüllung gefolgert, dass diese Erfüllung keine sei und das menschliche Bewusstsein folglich strukturell "unglücklich" bleiben müsse. Dies trifft aber nur zu, wenn menschliche Erfüllung insgeheim an eine außerzeitliche Dauer gebunden wird, was nach Bohrers nüchternen Standards gerade nicht zulässig ist. Zum andern meint Bohrer mit seiner Phänomenologie des vergänglichen Augenblicks "den todesfrommen Idealismus der Philosophie" bloßstellen zu können. Es mögen aber noch so viele Philosophen einem solchen Idealismus verfallen sein, die Philosophie kann der Endlichkeit des Menschen durchaus entsprechen. Schließlich ist das, was Bohrer als "poetischen Nihilismus" anbietet, nicht Poesie, sondern selbst – Philosophie.

Die Zeitvergessenheit unserer Zeit

Eine große öffentliche Beachtung hat der Vortrag über Erinnerungslosigkeit gefunden, den Bohrer im Frühjahr 2001 im Rahmen der Heidelberger Gadamer-Vorlesungen gehalten hat. Bohrer bemüht sich dort, ein "Defizit der gesellschaftskritischen Intelligenz" aufzudecken, das seine Ursache erneut in einer schwerwiegenden Zeitvergessenheit habe. Die politische Ethik und Historiografie der Bundesrepublik sei von der Naherinnerung an die Periode des Nationalsozialismus und das Grauen des Holocaust derart traumatisiert, dass sie das Vermögen der historischen Fernerinnerung verloren habe. Die eigene Geschichte werde nur mehr als Vorgeschichte des deutschen Verbrechens rekonstruiert, moralisiert und damit ihrer Erinnerungswürdigkeit beraubt. Das Fazit freilich, zu dem Bohrer am Ende dieser Philippika gelangt, ist ein Satz, dem seine Lieblingsgegner – ob sie nun Hans-Ulrich Wehler oder Hans Mommsen, Karl-Otto Apel oder Jürgen Habermas heißen – ohne große Mühe zustimmen könnten: "Das Gedächtnis der Deutschen auf den Holocaust zu focussieren nimmt ihnen die Kraft des Gedächtnisses als Ganzes und also auch die Kraft, den Holocaust in ihr nationales Selbstverständnis aufzunehmen."

Strittig kann allein die Erwartung sein, die man mit dieser Einsicht verbindet. In seinen Reflexionen über den poetischen Nihilismus zitiert Bohrer eine Passage aus der Vorrede zu Hegels Phänomenologie des Geistes. Dort heißt es über den Geist und sein Verhältnis zum Tod: "Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies sei nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er diesem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt." Was die Bedeutung des Todes im Leben angeht, so verurteilt Bohrer scharf die versöhnliche Wende, die Hegel dem Verweilen beim Negativen verleiht: "Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt." In Bohrers politischer Betrachtung hingegen erscheint eine solche Wandlung durchaus willkommen. In der Hoffnung auf die heilende Kraft der Fernerinnerung denkt er idealistischer, als es seine Erkenntnis der Diskontinuität der historischen und biografischen Zeit erlaubt.