Es ist nicht lange her, da hat Hermann Tilke in einer ganz anderen Branche gearbeitet. Wer im Branchenführer Umweltschutz nachschaut, findet dort noch immer die Firma Ingenieure für Umwelttechnik H. Tilke. Inzwischen hat Tilke das Wort Umwelt aus dem Firmennamen gestrichen. Tilke GmbH – Ingenieure und Architekten heißt sein Büro jetzt. Wann genau er den Namen und damit die Seiten wechselte, weiß Tilke nicht mehr. Vielleicht will er es auch nicht mehr wissen. Die Firma Tilke – Handelsregister: B00006748, Rechtsform GmbH, eingetragen beim Amtsgericht Aachen – arbeitet nicht mehr im Umweltschutz. Sie macht jetzt in Formel1.

Der jüngste Auftrag: eine Formel-1-Strecke für China, am Stadtrand von Shanghai, 240 Millionen Euro teuer, 200000 Sitzplätze, fast dreimal so viele wie im Münchner Olympiastadion. Seit Oktober des vorigen Jahres arbeiten 2000 Chinesen von morgens früh bis abends spät, damit die Strecke im nächsten Jahr fertig ist. Von 2004 an sollen die Rennwagen der Formel 1 darauf fahren. Dann wird Shanghai denselben Klang haben wie Imola, wie Silverstone. Sehr fortschrittlich, sehr schnittig, rasant. Bernie Ecclestone, Herr über die Formel 1, hat es China versprochen. Und Tilke soll dieses Versprechen einlösen.

Weil Shanghai im Delta des Jangtsekiang liegt, mitten in einem Sumpfgebiet, lässt Hermann Tilke die Strecke nun auf Pfählen bauen, bis zu 60 Meter tief rammen die Bauarbeiter sie in die weiche Erde, damit weder die Strecke noch die Boxengebäude, weder die Tribüne noch der Kontrollturm im Morast versinken. Alles auf Pfeilern, das gab es noch nie. "Das ist sehr viel Geld, das da versenkt wird." Tilke grinst, legt einen Bleistift zur Seite, mit dem er eben noch die Pfähle imitiert hat, lehnt sich in seinen Stuhl zurück und verschränkt die Arme. Der Mann ist Chef. Und sehr zufrieden. Es scheint, als sei Hermann Tilke mit 48 Jahren da angekommen, wo er eigentlich immer hinwollte.

Sein Weg nach oben verläuft ganz langsam. Der Aufzug, der Tilke am Morgen in sein Büro in einer ehemaligen Hemdenfabrik bringt, kämpft um jeden Zentimeter. Und Tilke, Bauingenieur von Beruf, erklärt, dass die Kabine nicht nur nach oben, sondern auch ein Stück zur Seite ruckeln muss, weil er den Aufzug in einen alten, schrägen Schacht hat einbauen lassen. Der berufliche Weg Tilkes ähnelt dem seines Aufzuges: Tilke bewegte sich einige Jahre ein Stück vom Weg ab, so scheint es, um dann die Richtung zu finden, die für ihn vorgesehen war.

Tilke plant heute Formel-1-Strecken, so erfolgreich wie niemand sonst. Wenn irgendwo auf der Welt Menschen auf die Idee kommen, einen Ring zu bauen, wird sehr wahrscheinlich Tilkes Telefon klingeln, in Aachen, Industriegebiet, Krefelder Straße 147, dritter Stock.

Eigentlich braucht die Welt keine neuen Rennstrecken

Genau genommen braucht die Welt keinen einzigen neuen Formel-1-Parcours, genau genommen ist die Zahl der Rennen auf 17 pro Jahr beschränkt. Wenn Hermann Tilke neue Strecken in die Wüste, in einen Urwald oder in ein Flussdelta baut, muss irgendwo anders in der Welt eine Rennstrecke aus dem Wettbewerb scheiden. Die Formel-1-Welt lässt neue Strecken bauen in Ländern, in denen sie Menschen vermutet, die sich für den Motorsport begeistern lassen, in Ländern, in denen es – anders als in Belgien – noch erlaubt ist, für Zigaretten zu werben. Die Formel-1-Welt schafft Bedürfnisse und hat Bedarf nach neuen Strecken. Davon lebt Tilke.

Als der Formel-1-Boss Ecclestone im Oktober in Shanghai den Grundstein für die neue Strecke legte, als er ein Feuerwerk zünden und Luftballons in den chinesischen Himmel steigen ließ, verkündete er, dass von nun an auch die Freude am Motorsport in China in den Himmel steigen möge. In diesem Jahr sollen die Chinesen zum ersten Mal mehr als eine Million Autos kaufen. Weil bislang erst einer von 80 Chinesen ein Auto besitzt, wird sich in China entscheiden, wer weltweit ein erfolgreicher Autobauer bleiben wird. Volkswagen ist längst nach China gezogen, lässt 500 Meter von Tilkes Baustelle entfernt den Polo und den Santana montieren. BMW wird in diesem Jahr folgen. Umweltschützer sagen, wenn die Menschen in China irgendwann so gern Auto fahren wie die Menschen in Europa, dann würde dies zunichte machen, was die Welt zuletzt mühsam an Kohlendioxid gespart hat. Sie sagen, die Erde werde das nicht aushalten. Vor ein paar Jahren hätte Tilke vielleicht Ähnliches behauptet.