Der Siegeszug des deutschen Weins ist vollendet. Jetzt werden Restaurants unserer Spitzengastronomie tatsächlich für ihre Weinkarten gelobt, weil diese hundert, zweihundert oder gar dreihundert verschiedene deutsche Weine verzeichnen.

Um 1970 waren es höchstens mal zwei oder drei, und der deutsche Weinbau hatte es damals auch nicht besser verdient. Was auf dem Markt angeboten wurde, waren fast ausschließlich dünne und süßliche Tropfen, ohne Identität, ohne Charakter, fabelhaft geeignet, um am Nachmittag aus bunten Gläsern getrunken zu werden, wenn Tante Gusti zu Besuch kam. Der deutsche Wein war "lieblich" und wurde genau deshalb getrunken.

Warum er so völlig anders war, als ein Wein zu sein hat, der seinem Namen Ehre macht? Das Beispiel der wässrigen Batteriehühner und der trockenen Schweinekoteletts hat uns gelehrt, warum landwirtschaftliche Produkte nicht so schmecken, wie sie sollten. Bequeme und Geld sparende Produktionsmethoden einerseits, mangelndes Qualitätsbewusstsein beim Verbraucher andererseits waren der Grund. Die wenigen Weinkenner entdeckten auf der Suche nach trockenen Weißweinen bundesweit vielleicht ein halbes Dutzend Winzer, die sich dem süßen Trend widersetzten. Sie tauchten dann folgerichtig auch auf den Weinkarten der besseren Restaurants auf. Die restlichen Weine stammten aus Frankreich. Wer damals oft in Restaurants aß, wurde zwangsläufig zum Kenner elsässischer Weißweine und lernte die burgundischen Appellationen zu unterscheiden.

Gegen diese Zustände opponierte in den siebziger Jahren eine kleine verschworene Gemeinde von Weinfreunden. Die ZEIT gehörte zu den ersten Publikationen, die sich mit den Funktionären des Deutschen Weinbaus anlegten, welche durch Flurbereinigungen und falsche Marktstrategien die deutschen Winzer zu Massenproduzenten unverkäuflicher Plörre degradierten. Die erstaunliche Zunahme von qualitätsbewussten Essern und Trinkern sorgte dafür, dass kluge Winzer sich umstellten.

Klasse statt Masse nämlich ist im Weinbau weltweit die erste und einzige Regel für den Erfolg. In Deutschland bedeutete das: Wo früher gewissenlos pro Hektar 200 Hektoliter Most geerntet wurden, waren es bei klugen Winzern plötzlich nur noch 50 Hektoliter – bei normalen Spätlesen. Auslesen und die kostbaren natursüßen Auslesen entstehen erst bei noch niedrigeren Ertragsmengen. Das deutsche Weinwunder begann. Heute gibt es Starwinzer, wie es Starköche gibt. Bestenlisten werden in Buchform und in Zeitschriften veröffentlicht, und es ist leicht, dabei hundert hervorragende Betriebe anzuführen.

Gleichzeitig erreichten die Weinpreise eine ihnen gemäße Höhe. Das heißt, dass die Zeiten vorbei sind, als man eine Flasche Wein für lächerliche 2,99 Mark kaufen konnte. Dabei sind deutsche Weine im internationalen Vergleich immer noch preiswert. Fantasiepreise, wie sie bei den klassifizierten Weinen des Bordelais und den italienischen Kultweinen üblich sind, leisten sich unsere Winzer nicht.

Ein interessanter Nebenaspekt dieser Entwicklung ist die Veränderung des Geschmacks der Trinker. Als die Macht der Weinbaufunktionäre gebrochen war, enthielten deutsche Weinflaschen plötzlich nur noch knochentrockene Tropfen. Die wahre Stärke des deutschen Weinbaus, die Beeren- und Trockenbeerenauslesen, spielten keine Rolle. Es musste erst eine Verfeinerung des kulinarischen Geschmacks insgesamt einsetzen, damit die Kompatibilität von edelsüßen Weinen mit Gerichten der Hochküche erkannt wurde.