Zweifeln, nicht verzweifeln

Wolfgang Huber, 60, hat sich sein Leben lang in die Politik eingemischt, seit den achtziger Jahren vor allem in der Friedensbewegung. 1993 wurde der Theologe zum Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg gewählt. Huber ist Mitglied des Nationalen Ethikrats und Autor von Schriften über Protestantismus und Protest und Christentum und Militarismus . Seine Herkunft hat Huber gleichermaßen glauben und zweifeln gelehrt. Der Großvater, Walter Simons, war in der Weimarer Republik Reichs-außenminister und später Präsident des Reichsgerichts und des Staatsgerichtshofes. Ernst Rudolf Huber, der Vater, war ein bekannter Jurist, der wegen seiner Nähe zu den Nazis jedoch erst 1952 wieder einen Lehrauftrag bekam.

Herr Bischof, zählen Sie sich eher zu den Gläubigen oder zu den Zweiflern?

Für mich stellt sich die Frage nicht: Soll ich glauben, oder muss ich zweifeln? Auf der Grundlage meines Glaubens muss ich immer wieder zweifeln. Weniger an Gott als an den Menschen. Auch an mir als Mensch. In meinem Leben hatte ich immer wieder Phasen, in denen ich Gewissheiten angezweifelt habe und Glaubensfragen für mich neu formulieren musste.

Aber der Glaube selbst ist eine Gewissheit.

Nein, der Glaube an sich fragt ja nach Gott und damit über jede Gewissheit hinaus. "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", sagt der auferstandene Jesus zu Thomas, dem Zweifler. Der Zweifel ist der Ort der Gottesfrage. Als Moses sich dem brennenden Dornbusch nähert, um zu sehen, warum der Busch nicht verbrennt, sagt Gott: "Zieh deine Schuhe von deinen Füßen!" Wir müssen barfuß einen Boden betreten, der nicht mehr der Boden der wissenschaftlich überprüfbaren Tatsachen ist. Moses begegnet Gott erst im Zweifel, und Gott sagt: "Ich bin, der ich bin."

Und ausgerechnet in diesem Moment erteilt Gott einen politischen Auftrag: Moses soll Israel aus seiner Gefangenschaft in Ägypten befreien. In der Folge schlägt Gott Ägypten vernichtend. Auch Bush beruft sich auf ein persönliches Dornbusch-Erlebnis, einen göttlichen Auftrag.

Jede "Gott mit uns"-Ideologie ist Blasphemie. Es sind doch Menschen, die heute Kriege führen, und menschliche Entscheidungen sind immer fehlbar. Kein Mensch darf sich als ein Werkzeug Gottes in einem Heiligen Krieg ansehen oder sich so darstellen. Außerdem sehe ich keine Möglichkeit, Gewalt als ein göttlich sanktioniertes Mittel hinzustellen.

Zweifeln, nicht verzweifeln

Das passiert ja derzeit so oft und viel wie lange nicht mehr. Alle Welt spricht plötzlich wieder von Gott und göttlichen Zwecken, und das tun vor allem Menschen, die mit Gewalt über das Schicksal anderer Menschen verfügen – von Bush und Blair über Saddam Hussein bis bin Laden. Wenn Sie diese Renaissance des Glaubens sehen, wäre Ihnen dann nicht – im Zweifel – eine Welt von Ungläubigen lieber? Eine Welt ohne Glauben?

Angesichts des offenkundigen Missbrauchs von Glauben und Religion kann nicht die Antwort sein, auf den Glauben zu verzichten. Die Antwort kann nur sein, dass wir mehr Klarheit im Glauben brauchen. Was wir zurzeit sehen, ist ja ein Analphabetismus des Glaubens: Heiliger Krieg, göttlicher Segen für eine Nation im Krieg und so weiter.

Wo kommt die Gewissheit her, die anders ist als die der Analphabeten?

Jeder Einzelne muss für sich eine Klärung suchen und sich seiner religiösen Wurzeln versichern. Im Gespräch können wir uns gegenseitig vor dem Missbrauch des Glaubens bewahren.

Die Suche nach den Wurzeln des Glaubens, die Rückbesinnung auf seine Fundamente – bringt das nicht gerade den Fundamentalismus auf allen Seiten hervor?

Der Fundamentalismus entspricht der Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt. Der christliche Glaube beruft sich auf den Gott, der sich den Menschen in Jesus Christus als die menschgewordene Liebe offenbart hat. Das ist gerade kein Fundament dafür, Gewalt als göttlich sanktioniertes Mittel zu rechtfertigen. Eine menschliche Entscheidung lässt sich gar nicht "fundamentalistisch" begründen. Gerade wenn sie vor Gott getroffen wurde, bleibt sie doch eine menschliche Entscheidung und wird als solche erkennbar. Nicht gewiss und endgültig wie eine göttliche Entscheidung, sondern vorläufig, relativ, fehlbar.

Sie haben selbst viele politische Entscheidungen getroffen. Durch Ihr Engagement in der Friedensbewegung und zeitweise als stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Heidelberg-Ziegelhausen.

Zweifeln, nicht verzweifeln

Aber in meiner Einmischung habe ich mich nie als unmittelbares Werkzeug Gottes verstanden. Ich habe mich auch nie als Teil eines göttlichen Plans gefühlt. Ich habe als verantwortlicher, fehlbarer Mensch gehandelt. Allerdings in der christlichen Pflicht der Parteinahme für die gleiche Würde und das gleiche Recht eines jeden Menschen. Das war die einzige Gewissheit.

Wo kippt denn der gute Glaube in Gutgläubigkeit und blinden Wahn?

Gutgläubigkeit ist ja gerade die Abwesenheit von Glauben. Glauben heißt den Unterschied von Gott und Menschen kennen – wissen, dass die Menschen nicht von Grund auf gut und unfehlbar sind. Glauben schließt dieses Wissen ein, Gutgläubigkeit leugnet es. Dieses Wissen verbietet es, den Glauben zum politischen Instrument gegen andere Menschen zu machen. Dann kippt der Glaube. Dann werden Koppeln geschmiedet mit der Formel "Gott mit uns".

Auch einige Politiker in Deutschland haben den Krieg gegen den Irak befürwortet, vor allem christliche Politiker.

Ich kann diese Entscheidung respektieren. Auch wenn ich sie für falsch halte.

Politisch?

Ja, politisch. Ich habe neulich wieder mit einem Politiker darüber gesprochen, einem christlichen Politiker. Er sprach von der Diktatur Saddams, der Folter und den Menschenrechtsverletzungen dieses Regimes. Seine Verantwortung vor Gott gebietet es ihm wie mir, dazu beizutragen, Leben zu retten und zu schützen. Im Gegensatz zu mir ist er aber zu der Auffassung gekommen, dass dieser Krieg mehr Leben rettet und schützt, als er in Gefahr bringt und kostet. Ich würde diesem Menschen widersprechen, ihm aber nie sein Verantwortungsgefühl absprechen.

Zweifeln, nicht verzweifeln

Das heißt, Sie sind auch nicht aus Gründen des Glaubens für einen friedlichen Weg im Irak gewesen, sondern aus politischen Gründen, nicht aus einer prinzipiellen Gewissheit, sondern aus Gründen des Abwägens?

Wer meint, ohne solches Abwägen auszukommen, meint, es gebe politisches Handeln ohne Schuld. Es gibt eben Situationen, aus denen wir nicht ohne Schuldübernahme herauskommen. Die Entscheidung für oder gegen den Krieg im Irak war eine solche Situation – wie zuvor auch die Entscheidung für oder gegen den Krieg gegen das Jugoslawien von Milo∆eviƒ.

Politiker, die glauben, sollten ihre Entscheidungen vor Gott treffen. Aber wenn ein Politiker, zum Beispiel George W. Bush, dann verkündet, er habe sich in seiner Verantwortung vor Gott für den Krieg entschieden, tut er dann nicht schon das, was Sie Blasphemie nennen?

Nicht, wenn er die Entscheidung dennoch als die eigene und nur seine eigene darstellen würde. Als menschlich und fehlbar. Wer glaubt, muss zweifeln. Glaube ist das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit. Auch zu der Selbstgerechtigkeit, die heute manche Politiker an den Tag legen.

In den USA beobachten wir seit Jahren ein Erstarken der Religiösität und einen wachsenden Einfluss des Glaubens auf die Politik. Dort treten Gläubige oft politisch rigide und selbstgerecht auf. Wäre es Ihnen da nicht lieber, in Amerika schritte die Entfernung vom Glauben fort wie im "alten Europa"?

Eine allgemeine Entkirchlichung wie in Europa kann ich mir für die USA natürlich nicht wünschen. Diejenigen Kirchen, die Engagement mit einer kritischen Haltung verbinden, sollten dort mehr Gehör finden, nicht weniger. Man kann sich die Entwicklung der demokratischen Kultur ohne Christen nicht vorstellen. Aus ihrem Glauben heraus setzen sie sich für die unbedingte Würde des anderen ein, nicht nur für die eigene. Genau darauf aber beruht die Freiheit als Lebensform. Despotismus kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht, sagt Tocqueville.

Heißt das, Sie fürchten paradoxerweise gerade in Europa um die Freiheit?

Zweifeln, nicht verzweifeln

In Europa haben wir durchaus erlebt, wie Verachtung des Glaubens und der Freiheit sich verbinden können. Trotzdem sind auf diesem Kontinent noch zwei Drittel der Bevölkerung Christen, und ein wachsender Teil sind Muslime. Die These von der Entkirchlichung wendet eben immer noch die alten volkskirchlichen Maßstäbe an – als ob jemals in der Geschichte alle sich zu einem Glauben bekannt hätten. Aber eine glaubenslose, ungläubige Gesellschaft wäre in der Tat ein Experiment, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Auf ein solches historisches Experiment würde ich lieber verzichten.

Man hört, dass sich in diesen Tagen wieder mehr Menschen mit ihren Fragen an Gott wenden und vermehrt in die Kirche gehen, mit ihren Zweifeln, verzweifelt. Welche Fragen sind Ihnen in der letzten Zeit gestellt worden, die Sie nicht beantworten konnten?

Es ist eigentlich immer ein und dieselbe Frage: Wie kann Gott das zulassen? Man muss ja auch spätestens in einer Situation wie der des Krieges an einem Gottesbild zweifeln, das Gott als einen allmächtigen Chirurgen ansieht, der das Böse im Vorhinein aus der Welt herausschneidet.

Was sagen Sie dann zu einem Menschen, der Ihnen diese Frage gestellt hat?

Es gibt keine ein für alle Mal richtige, sozusagen dogmatische Antwort, nur einen authentischen Umgang mit dieser Frage. Entscheidend ist: Der Mensch, der so fragt und Gott in Zweifel zieht, hat mit seiner Frage schon eine Beziehung zu Gott aufgebaut.

Das sieht aber jetzt aus wie eine philosophische Finte. Ein Descartes-Satz des Glaubens: Ich zweifle an Gott, also ist er.

Ich sehe das aber nicht als philosophische, sondern als existenzielle Frage. Die Möglichkeit eines Gottesbeweises ohne Glauben hat das Denken der Neuzeit gründlich zertrümmert, keine Frage. Wir dürfen die Empörung des Menschen jetzt auch nicht stillstellen, indem wir sagen: Gott hat sich schon etwas dabei gedacht. Unzeitiges Leiden und unzeitiger Tod sind empörend und müssen es auch bleiben. Leiden und Tod dürfen wir nicht aus vermeintlichen Glaubensgründen verharmlosen. Aber an wen sollten wir uns mit unserer Klage wenden, wenn nicht an Gott?

Zweifeln, nicht verzweifeln

Also sagen Sie einem Menschen vielleicht einfach, wenn er fragt, warum Gott das Übel zulässt: Ich weiß es nicht?

Ja. Ich weiß es ja auch nicht.

Was machen die Menschen dann mit ihren Zweifeln in der Kirche?

Die Menschen gehen in die Kirche und kehren zurück zum Gebet, weil das Gebet die Form ist, um das menschlich Unbegreifliche vor Gott zu bringen, den Zweifel vorzubringen vor Gott. Und sie sehen, dass Gott selbst im Kreuzestod seines Sohnes auf die Seite der Leidenden getreten ist. Aus dieser Verbundenheit Gottes mit den Leidenden entsteht Hoffnung.

Bei seiner Kreuzigung zweifelt Jesus ja selbst an Gott, zweimal ruft er: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Hatten Sie schon Momente, in denen Sie an der Gegenwart Gottes gezweifelt haben?

Ich habe Augenblicke der Todesangst erlebt, auch der Angst um einen nahen Menschen. Das waren zugleich Augenblicke der Gottverlassenheit. Und ich kenne Situationen vermeintlicher Sicherheit, in denen mir die Frage nach Gott unwichtig geworden ist. Aber ich weiß, dass weder Gottverlassenheit noch menschliche Sicherheit das letzte Worte haben.

Und jetzt als verantwortlicher, fehlbarer Mensch haben Sie an ihrer Entscheidung gegen den Krieg gezweifelt, als Sie den Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sahen und die Irakis, die den Soldaten zujubelten?

Zweifeln, nicht verzweifeln

Ich habe schon vor dem Krieg den Wunsch geteilt, dass Saddams Diktatur an ein Ende kommt. Dass die Amerikaner stärker sein würden, war von Anfang an klar. Aber welche Ordnung aus dem jetzigen Chaos hervorgeht, weiß noch niemand. Ich sehe nicht nur den hemmungslosen Jubel, sondern auch hemmungsloses Plündern. Ob ein anderer Weg, ohne Bluvergießen, zum Ziel geführt hätte, kann nun niemand mehr sagen. Schon deshalb bleiben Zweifel. Zweifel bleiben auch, ob die Rede von der Gewalt als äußerstem Mittel jemals mehr sein wird als eine leere Hülse, beliebig verwendbar. Insofern sind meine Zweifel gewachsen, meine Zweifel am Menschen, auch an mir selbst.