Das passiert ja derzeit so oft und viel wie lange nicht mehr. Alle Welt spricht plötzlich wieder von Gott und göttlichen Zwecken, und das tun vor allem Menschen, die mit Gewalt über das Schicksal anderer Menschen verfügen – von Bush und Blair über Saddam Hussein bis bin Laden. Wenn Sie diese Renaissance des Glaubens sehen, wäre Ihnen dann nicht – im Zweifel – eine Welt von Ungläubigen lieber? Eine Welt ohne Glauben?

Angesichts des offenkundigen Missbrauchs von Glauben und Religion kann nicht die Antwort sein, auf den Glauben zu verzichten. Die Antwort kann nur sein, dass wir mehr Klarheit im Glauben brauchen. Was wir zurzeit sehen, ist ja ein Analphabetismus des Glaubens: Heiliger Krieg, göttlicher Segen für eine Nation im Krieg und so weiter.

Wo kommt die Gewissheit her, die anders ist als die der Analphabeten?

Jeder Einzelne muss für sich eine Klärung suchen und sich seiner religiösen Wurzeln versichern. Im Gespräch können wir uns gegenseitig vor dem Missbrauch des Glaubens bewahren.

Die Suche nach den Wurzeln des Glaubens, die Rückbesinnung auf seine Fundamente – bringt das nicht gerade den Fundamentalismus auf allen Seiten hervor?

Der Fundamentalismus entspricht der Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt. Der christliche Glaube beruft sich auf den Gott, der sich den Menschen in Jesus Christus als die menschgewordene Liebe offenbart hat. Das ist gerade kein Fundament dafür, Gewalt als göttlich sanktioniertes Mittel zu rechtfertigen. Eine menschliche Entscheidung lässt sich gar nicht "fundamentalistisch" begründen. Gerade wenn sie vor Gott getroffen wurde, bleibt sie doch eine menschliche Entscheidung und wird als solche erkennbar. Nicht gewiss und endgültig wie eine göttliche Entscheidung, sondern vorläufig, relativ, fehlbar.

Sie haben selbst viele politische Entscheidungen getroffen. Durch Ihr Engagement in der Friedensbewegung und zeitweise als stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Heidelberg-Ziegelhausen.