Das heißt, Sie sind auch nicht aus Gründen des Glaubens für einen friedlichen Weg im Irak gewesen, sondern aus politischen Gründen, nicht aus einer prinzipiellen Gewissheit, sondern aus Gründen des Abwägens?

Wer meint, ohne solches Abwägen auszukommen, meint, es gebe politisches Handeln ohne Schuld. Es gibt eben Situationen, aus denen wir nicht ohne Schuldübernahme herauskommen. Die Entscheidung für oder gegen den Krieg im Irak war eine solche Situation – wie zuvor auch die Entscheidung für oder gegen den Krieg gegen das Jugoslawien von Milo∆eviƒ.

Politiker, die glauben, sollten ihre Entscheidungen vor Gott treffen. Aber wenn ein Politiker, zum Beispiel George W. Bush, dann verkündet, er habe sich in seiner Verantwortung vor Gott für den Krieg entschieden, tut er dann nicht schon das, was Sie Blasphemie nennen?

Nicht, wenn er die Entscheidung dennoch als die eigene und nur seine eigene darstellen würde. Als menschlich und fehlbar. Wer glaubt, muss zweifeln. Glaube ist das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit. Auch zu der Selbstgerechtigkeit, die heute manche Politiker an den Tag legen.

In den USA beobachten wir seit Jahren ein Erstarken der Religiösität und einen wachsenden Einfluss des Glaubens auf die Politik. Dort treten Gläubige oft politisch rigide und selbstgerecht auf. Wäre es Ihnen da nicht lieber, in Amerika schritte die Entfernung vom Glauben fort wie im "alten Europa"?

Eine allgemeine Entkirchlichung wie in Europa kann ich mir für die USA natürlich nicht wünschen. Diejenigen Kirchen, die Engagement mit einer kritischen Haltung verbinden, sollten dort mehr Gehör finden, nicht weniger. Man kann sich die Entwicklung der demokratischen Kultur ohne Christen nicht vorstellen. Aus ihrem Glauben heraus setzen sie sich für die unbedingte Würde des anderen ein, nicht nur für die eigene. Genau darauf aber beruht die Freiheit als Lebensform. Despotismus kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht, sagt Tocqueville.

Heißt das, Sie fürchten paradoxerweise gerade in Europa um die Freiheit?