"Ich habe begonnen, mich meinen Ängsten zu stellen. Ich war beispielsweise noch nie Achterbahn gefahren. Ich bin dann in so ein Ding reingeklettert, die Bahn fuhr los, und ich merkte: Ich werde die Fahrt nicht genießen. Aber ich werde sie überleben"

Vor ein paar Tagen habe ich geträumt, dass ich fliege. Zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich saß mit meiner Mutter im Auto – kann aber nicht mehr sagen, wie das Auto aussah, vielleicht war es ja auch ein kleines Raumschiff. Alles war sehr abstrakt. Ich erinnere mich noch, dass die Straße unheimlich breit war, alles sah amerikanisch aus, so Route-66-mäßig. Wir fahren also los, und auf einmal sage ich: "Mami, das geht ja immer höher! Wir fliegen ja!" Das hat mich sehr beunruhigt, denn ich habe extreme Höhenangst. In den vergangenen Jahren ist es zwar etwas besser geworden, mittlerweile kann ich auf eine Leiter steigen, ohne Beklemmungen zu bekommen. Aber das war schon ganz schön heftig. Es ging immer höher und höher, und irgendwann, als ich es dann nicht mehr ausgehalten habe, weil es einfach zu hoch war, sind wir wieder ganz sanft auf der Straße gelandet.

Und dann war es leider schon vorbei. Wenn ich träume, gibt es nie einen richtigen Anfang oder ein richtiges Ende. Der Traum hört einfach so auf. Oft werde ich nicht mal wach und merke noch im Schlaf, dass der Traum zu Ende ist.

Es geschieht allerdings selten, dass ich mich so deutlich an einen Traum erinnere. Vielleicht erinnere ich mich so genau, weil Angst lange Zeit ein wichtiges Thema in meinem Leben gewesen ist. Die Höhenangst zum Beispiel oder auch die Angst davor, allein zu sein. Früher, als Teenager, konnte ich es nicht mal allein in der Wohnung aushalten. Meine Ängste haben mich oft sehr behindert. Irgendwann beschloss ich, dass es so nicht weitergeht. Vor einem Jahr habe ich konsequent damit losgelegt, mich meinen Ängsten zu stellen. Das ist sicher nicht der leichteste Weg, aber der wirksamste.

Ein ganz banales Beispiel – ich bin in meinem Leben nie Achterbahn gefahren. Ein Albtraum, ich wäre für kein Geld der Welt in so ein Ding gestiegen. Letztes Jahr war ich mit meinen Kindern im Legoland, und da gab es eine Achterbahn. Mein siebenjähriger Sohn Samuel konnte davon nicht genug kriegen. Irgendwann hat er mich gefragt, Mama, fährst du mit mir? Ohne zu überlegen, habe ich okay gesagt. In bin in dieses Ding reingeklettert, habe mich festgeklammert und gedacht, schau mal, wie es sich anfühlt. Die Bahn fuhr los, und ich merkte: Ich werde die Fahrt nicht genießen. Aber ich werde sie überleben. Augen zu und durch!

Es geht schlicht und ergreifend darum, nicht mehr alles kontrollieren zu wollen. In dem Moment, indem ich Angst bekomme und dann noch panisch versuche, die Kontrolle zu behalten, ist alles zu spät. Wie beim Kinderkriegen – wenn du während der Geburt Angst bekommst, geht gar nichts mehr.

Das Schlimmste ist die Angst vor der Angst. In letzter Zeit habe ich gelernt, Kontrolle abzugeben, Angst zuzulassen. Loszulassen. Das gilt besonders für den Umgang mit Kindern. Mein Traum ist eine Gesellschaft ohne Schulpflicht und repressives Erziehungssystem. Das wäre für unsere Kinder angemessen. Es ist längst fällig, das Gefüge, in dem unsere Kinder aufwachsen, zu verändern. Ich finde es nicht richtig, dass 30 Kinder jeden Tag das Gleiche lernen sollen. Sie sind Individuen mit ganz persönlichen Bedürfnissen und Interessen, die selbst entscheiden können, was sie lernen wollen. Meine Kinder sind auch schulpflichtig, natürlich kann ich mich dem System nicht ganz verweigern. Die leben nun mal in dieser Welt und müssen damit klarkommen. Es ist nicht meine Aufgabe, meine Kinder vor allem zu schützen. Wichtig ist, ihnen die Möglichkeit zu geben, dass sie ihre Persönlichkeit frei entfalten können. In der Schule bin ich allerdings immer eher auf der Seite der Kinder als der Lehrer. Ich erwarte auch keine Leistung. Wenn meine Kinder etwas nicht wollen, kann ich ihnen nicht meine Vorstellungen aufdrücken.

In vielen Situationen muss ich mich nur auf meine eigene Kindheit besinnen, dann weiß ich, was sie brauchen. Kinder bringen alles an Wissen mit, was nötig ist. Alles ist da, und vieles nehmen wir ihnen durch Erziehung erst weg. Die meisten Kinder dürfen, bestenfalls bis sie sechs oder sieben sind, noch über ihre Engel sprechen, spätestens mit acht kommt das den Eltern komisch vor, und die Kinder werden langsam, aber stetig an gängige Denkmuster gewöhnt.