Man kennt diesen Moment, in dem man den anderen für immer verlassen, aus der Wohnung schmeißen oder erwürgen könnte, den Moment, in dem man den Trennungsentschluss in Granit hauen und vor dem Türenknallen noch eine imaginäre Dynamitstange hinter sich werfen könnte. Mit diesem apokalyptischen Augenblick, einer Art Supernova der Gefühle, auf die meist eine seltsame Leere folgt, beginnt Oskar Roehlers neuer Film. Dass es ein Endpunkt ist, der hier den Anfang macht, passt zu einer Geschichte, deren Vorzeichen sich fortwährend mit den Stimmungsschwankungen ihrer Helden verändern.

In Der alte Affe Angst geht es um einen Mann und eine Frau, die sich lieben, die aber kaum noch Sex miteinander haben. Robert, der Theaterautor, (André Hennicke) liebt Marie, die Kinderärztin (Marie Bäumer). Er liebt sie so stark, so zärtlich und so lange schon, dass er nicht mehr mit ihr schlafen kann. Verzweifelt und mit schlechtem Gewissen schleicht er in Schmuddelschuppen, lebt seine Triebe bei Prostituierten aus. Sie hingegen glaubt weiter an die Einheit von Seele und Sexus, glaubt an ihn, auch wenn sie seine Eskapaden widerlich, seine Neurosen unerträglich und seine Psychologenbesuche verlogen findet. Die Liebe, eine Zivilisationskrankheit, ein Fall für Therapeutenhonorare und Brigitte- Beratungsartikel?

Veteranen im Gefühlslabor

Roehlers Helden aber sind nicht einfach nur Symptomfelder einer mit sich selbst beschäftigten Moderne. Sie sind Gladiatoren der Liebe. Mit ihren ureigenen Waffen kämpfen sie so verzweifelt umeinander, dass sie sich dabei fast zerstören. Es sind zwei noch junge Menschen, und doch scheinen sie Gefühlsveteranen zu sein, die schon alles hinter sich haben. Gemeinsam ringen sie um ihr Begehren und versuchen immer wieder aufs Neue aus zwei Körpern Funken zu schlagen, die sich unmerklich in erotische Blitzableiter verwandelt haben. Sie erfinden Sexspielchen, hilflose Versuche, den absoluten Einklang durch abgeschmackte Versuchsanordnungen mit ein bisschen Fremdheit und Aggression zu versetzen. Wir sehen Robert, der sich zusammenkrampft, während Marie versucht, ihm einen runterzuholen. Die Accessoires sind verrucht, die Inszenierungen irgendwie rührend – er hat die Augen verbunden, während sie eine nuttig schillernde Perücke trägt.

Roehler zeigt ihre eigentliche Vertrautheit als paradiesischen Vorzustand. Am glücklichsten wirken Robert und Marie, wenn sie wie zwei Kinder in ihrer riesigen Wohnung herumtollen, sich kitzeln, durcheinander purzeln und herumalbern. Wenn sie Fangen und Verstecken spielen, sich jagen und piesacken und die Liebe ein anderes, inniges, selbstvergessenes Stadium auch jenseits der Leidenschaft erreicht zu haben scheint. Oskar Roehler hat den Mut, ein solches Beziehungsgerangel in der so peinlichen wie bewegenden Gleichzeitigkeit von Banalität und Bedeutungsschwere zu erzählen.

Er weiß um die Fragilität und Kitschgefahr der Gefühle im Melodrama. Für seine Helden, die in ihrem privaten Dilemma gefangen sind, findet die Kamera (Hagen Bogdanski) Bilder von parabelhafter Distanz. Marie und Robert bewegen sich in einem zu cooler Zeichenhaftigkeit reduzierten Berlin, stehen allein in weiten Cinemascope-Bildern, wirken verloren in einem immer wie abgekoppelt wirkenden urbanen Raum. Ein Hotelzimmer hoch über dem Alex, eine Wohnung mit Panoramablick, nervenzehrende Beziehungsjagden über die breiten Ostberliner Straßen.

Und doch geht es in diesem Film noch um mehr, tritt aus der durchgeknallten Partitur der Gefühle, dem auftrumpfenden Hin und Her der Tonlagen noch ein anderes, vielleicht das eigentliche Thema hervor. Wie magnetisiert kreist Der alte Affe Angst um den unerklärlichen Moment, in dem die Liebe über den Einzelnen hereinbricht, obwohl er eigentlich glaubt, mit ihr abgeschlossen zu haben. Wenn nach dem vermeintlich letzten Türenknallen alles von vorn beginnt. Wenn Wut und Verzweiflung einer ungeheuren Sehnsucht weichen, die zwei Menschen plötzlich wieder aufeinander zu treibt. In Der alte Affe Angst schildert Roehler diesen Neubeginn nach dem Ende, diesen Zustand, der vielleicht die schönste Form der Irrationalität ist, mit einem Vivaldi-Konzert, während Robert und Marie ausgelassen über eine sonnendurchflutete Wiese tanzen. Es ist ein wunderbar zerbrechlicher Moment zwischen unverhohlenem Pathos und der schlichten Schönheit der Versöhnung, purer Mystik und unbeschwerter Feier der Gefühle.

Man könnte Oskar Roehlers Kino unterstellen, dass es von der Suche nach diesem selbstvergessenen Augenblick vorangetrieben wird, von einer Sehnsucht nach der emotionalen Ohnmacht jenseits oder nach der Vernunft. In seinem 1997 entstandenen Film Sylvester Countdown stapfen Marie Zielcke und Rolf-Peter Kahl als neurotisches Techno-Pärchen durch eine Schneelandschaft und versuchen mit nervtötendem Beziehungsgerede letztlich nur die Angst vor der Hingabe zu übertönen. Mit Belcanto-Opern muss die Tonspur in Gierig von den großen Gefühlen erzählen, die den Nachtschwärmern Jasmin Tabatabai und Richy Müller erst bewusst werden, als es schon spät ist. Vielleicht ist es auch diese Sehnsucht, die Hannelore Elsners Unberührbare durch ein Deutschland im Wendetaumel führt, in einen Reigen der flüchtigen Umarmungen, kurzen Begegnungen, der Gigolo-Nächte und einsamen Hotelzimmer – bis hin zu einer gnadenlosen Sexszene mit Vadim Glowna, bei der sich zwei Körper nicht mehr erinnern können an das, was sie einmal verbunden hat.