Dieser Konzern stellt etwas her, nach dem wir uns alle sehnen: eine bessere Welt. Eine, in der Natur und Technik in fröhlicher Eintracht existieren. Eine, in der die Kultur nicht das Mauerblümchen, sondern der Humus ist, auf dem alles andere gedeiht. Gerade erst hat er einen Wettbewerb für junge Komponisten ausgeschrieben, die jene gläserne Manufaktur in zeitgenössische Töne setzen sollen, in der bereits das Philosophische Quartett dem Weltgeist regelmäßig hinterherschaut. Eine eigene Universität will der Konzern demnächst gründen, weil er den staatlichen Hochschulen nicht zutraut, die Mitarbeiter zu formen, die er für sein weltumspannendes Projekt braucht. Auch zwei Stiftungen, die sich um den Nachwuchs in den Bereichen Pop und Kunst kümmern, gehören zum Portfolio. Sogar eine eigene Stadt hat der Konzern geschaffen, mit Hügeln, Lagune, Kinos, Kunst, eigener Zeitschrift (Auflage 130000 Exemplare), sechs Restaurants und einem Schiff für die "Maritime Panorama Tour" mitten auf dem platten Land. Ab Juni sollen in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium die Kinder des Landes hier die "Mobilitätsschule" besuchen. Ach ja, Autos baut Volkswagen übrigens auch noch.

Jetzt wird die Produktpalette des Rundumversorgers, der auch der größte Currywurstproduzent Niedersachsens ist, nochmals erweitert. Nicht um ein neues Auto natürlich, sondern um ein Tanzfestival. Movimentos heißt es, vom 25. April bis zum 18. Mai werden vier berühmte Compagnien aus Brasilien, Taiwan, Spanien und den USA in der Autostadt an- und vortanzen. Weil es auch bei ihnen um Mobilität geht, das Thema des Konzerns. Und weil es diesen unfassbaren Raum gibt.

Er liegt den Wahrzeichen Wolfsburgs zu Füßen, den vier 126 Meter hohen Schornsteinen am Ostende der VW-Fabrik. Seit ihrer Gründung 1938 ist hier das Kraftwerk untergebracht. Dessen südliche Halle wird nicht mehr gebraucht, und so stellte sich auch am Mittellandkanal die Frage, die das Ruhrgebiet seit Jahren umtreibt: Was tun mit so einem Dinosaurier des Industriezeitalters, 106 Meter lang, knapp 30 Meter hoch, ein Raumungeheuer mit Rippen aus Stahl, Eingeweiden aus Gusseisen, einer Haut aus rotem Backstein und jeder Menge Rost in den Leitungen? Wie in Duisburg, Bochum oder Essen hieß auch hier die Antwort: Da machen wir Kultur rein. Und weil Theater sich an den Dimensionen wohl die Lungen wund geschrien hätte, soll es Tanz sein, energiegeladene Compagnien, bereit für den Kampf mit der großen Leere. Außerdem – wichtig für den Global Player VW – "geht Tanz über Sprachgrenzen hinweg". Sagt Maria Schneider.

Sie ist die "Kreativdirektorin" der Autostadt. Sie sitzt auf Stühlen Probe, die demnächst irgendwo in ihrem Reich aufgestellt werden sollen. Sie befindet darüber, wann es an der Zeit ist, die Wasser-Bar in ein Wiener Kaffeehaus zu verwandeln. Sie plant, welche overall story die Häuser, Foren und Viertel dieser synthetischen Stadt im Innersten zusammenhält. Sie hat aus dem diffusen Selbstverständnis des Unternehmens die Grundwerte herauspräpariert, um die sich hier seit der Eröffnung im Juni 2000 alles dreht: Qualität, Sicherheit, soziale Kompetenz, Umweltbewusstsein. "Erlebbar" sollen sie werden, und wie die Inszenierung funktioniert, dafür hat Doktor Schneider, die mal Fotomodell war und Kunst sowie Germanistik studierte, ein Manifest erlassen. Das "Mitarbeiter-Credo" ist kaum größer als ein Streichholzheftchen und regelt so ziemlich alles zwischen Besucherservice und Körperpflege. Es passt bequem in jede Tasche der einheitlichen Arbeitskleidung, die die meisten der 2000 städtischen Angestellten tragen; Hierarchien erkennt man hier nur an der Farbe der Krawatten. Oder daran, dass man es sich leisten kann, die blauen Anzüge oder Kostüme mit dazu passenden Gesundheitsschuhen nicht tragen zu müssen. Maria Schneider trägt eine grüne Bluse, einen schwarzen Rock und hohe Stiefel.

"Mit Heiterkeit, Fröhlichkeit und Leichtigkeit ruft die Autostadt Freude, Genuss und Wohlbefinden bei den Besuchern hervor und verbindet diese Emotionen mit den Marken des Konzerns", heißt es im automobilen Glaubensbekenntnis, "zukunftsorientiert, unkonventionell und innovativ, begreift sich die Autostadt als eine lernende Gesellschaft." An die Stelle des Amens ist das Klappen einer Autotür getreten. "Polyvalenz" ist ein Schlüsselbegriff, mit dem Maria Schneider das Ziel ihrer Arbeit, aber auch den Erfolg der Autostadt erklärt. "Alles, was Sie in der Autostadt zu sehen bekommen, muss auf mehreren Ebenen lesbar sein." Zum Beispiel der World Processor von Ingo Günther, ein Feld aus 60 leuchtenden Globen, eingelassen in den Fußboden der großen Eingangshalle. Jeder Globus illustriert eine Statistik, die Auskunft gibt über den Zustand unserer Welt. Zum Beispiel darüber, dass ein Stau aller Autos, die im Jahr 2000 auf der Erde herumfuhren, 72-mal um diese herumgereicht hätte. "Kinder sehen darin bunte Bälle", buchstabiert Schneider die Lesarten durch, "wer hier sein Auto in Empfang nehmen will, erhält eine journalistische Information. Und der Kunstexperte sieht ein Kunstwerk." Fun für alle, Futter für die Intellektuellen, die ein geschlossenes System bestaunen, das die Kritik an sich bereits embedded und damit vollständig unter Kontrolle hat. Ein Gesamtkunstwerk, das keine Fragen offen lässt, in dem sich alle Brüche der Moderne so wohlgefällig runden wie der Kotflügel des Audi TT. Und welche Rolle spielt der Tanz in dieser vielzylindrigen Mythenmaschine?

Die Kreativdirektorin gibt sich pragmatisch: "Damit wollen wir eine neue Zielgruppe erreichen." Bislang galt das Interesse der Mobilitätsstrategen nicht der Hoch-, sondern, in Zusammenarbeit mit dem Musiksender MTV, der Jugendkultur. Gemeinsam veranstaltet man den Mondo-Club, eine Art Riesendisco im glaskühlen Eingangsbereich der Autostadt oder im Abbruchcharme des Kraftwerks. Jetzt soll dem Sound von Madonna das Stabat Mater von Dvo≤ák zur Seite tanzen, eine Europapremiere des Dance Theatre of Harlem. Wird VW damit mehr Autos verkaufen? "Keine Frage, in erster Linie erbringen wir eine Dienstleistung für den Konzern." Deshalb nimmt Maria Schneider auf alle im weitesten Sinne künstlerischen Produktionen Einfluss. Bei den aufwändigen Filmen für die diversen Kuppel- und Panoramakinos der Stadt setzt die Mitarbeit schon beim Drehbuch an, zur Endabnahme werden sie dem Vorstand des Gesamtkonzerns gezeigt; Maria Schneiders oberster Boss ist Peter Hartz, der VW-Personalvorstand. Sie, die zuvor für das Kunstmuseum Wolfsburg gearbeitet hat, findet nichts dabei: "Auch in einer kommunalen Einrichtung unterliegt man Zwängen, die durch das Budget oder die Gegebenheiten eines Hauses ausgeübt werden." Im Gegenteil, die Museen müssten immer mehr Besucher generieren und hätten damit in ihrer Ausstellungspolitik weniger Freiheiten als sie selbst in ihrer Konzern-Welt.

"Dass die Sponsoren alles zensieren, was sie in Auftrag geben, ist doch eine 68er-Verschwörungstheorie." Der das sagt, ist selbst ein 68er: Bernd Kauffmann, der einst Weimar als europäische Kulturhauptstadt lenkte und nun die künstlerische Gesamtleitung des Tanzfestivals übernommen hat. Bei einem Stück Kuchen am Tresen des Autostadt-Restaurants Lagune singt er das Hohe Lied des generösen Konzerns, der ihm alle Freiheiten lasse, obwohl er so viel von Autos verstehe "wie ein Schwein vom Tanzen". Dass er mit seiner Arbeit letztlich nur helfen soll, Autos und das dazugehörige Lebensgefühl zu verkaufen, ist ihm egal. "Einen Imagetransfer erwartet doch jeder, der so etwas veranstaltet. Gefährlich wird es erst, wenn die künstlerische Leistung sekundär ist, ausgebeutet wird für die Konzerninteressen." Einen Zug aus der Zigarettenspitze später geht er noch weiter. In Weimar habe er gelernt, dass die angeblich so neutrale öffentliche Hand viel übergriffiger sei, als es sich Konzerne je erlauben würden. "Eine Dame im Ministerium hat mir immer gesagt: ‚Vergessen Sie nicht – ich bin hier diejenige, die das Geld hat.‘ So etwas ist mir hier noch nie passiert." Spricht’s und fährt mit dem VW-Bus ins Kraftwerk. Keine Zeit mehr, um die vertrackte Dialektik zu diskutieren, dass ja nur die freie Kunst dem Konzern von Nutzen ist. Denn nur als vermeintlich nicht domestizierte steigert sie seine Glaubwürdigkeit – und ist zugleich schon handzahm gemacht. Eine Frage aber geht noch, bevor der Kaschmirschal außer Reichweite weht: Bestimmen also, da die öffentlichen Kassen so leer sind wie die Wüste Gobi, in Zukunft Großunternehmen die Richtlinien der Kulturpolitik? "Ja. Aber wenn das überhand nimmt, wird es gefährlich. Weil die Kommunen dann glauben, sie könnten sich problemlos aus der Kulturförderung zurückziehen."

Was wird aus dem Paradies, wenn der Golf nicht mehr läuft?