Alles war in Bremen vorbereitet für den 6. Mai. Mit einer feierlichen Ausstellungseröffnung sollte die spektakulärste Rückführung deutscher Kunst nach der Wende zelebriert werden, die Rückkehr der Baldin-Sammlung. Sie umfasst zwei Gemälde und 362 Meisterzeichnungen: Werke von Albrecht Dürer, Caspar David Friedrich, Rembrandt, van Gogh und Auguste Rodin. Der russische Offizier Wiktor Baldin hatte die Schätze nach dem Krieg aus Bremen nach Russland gebracht. Eine Sammlung von kunsthistorisch, materiell, aber auch politisch beträchtlichem Wert. Lange schon wird darum gefeilscht und gestritten. Ein Coup schien sich anzubahnen. Aber wieder nichts. Nichts davon gelangt vorläufig zurück in die Bremer Kunsthalle.

Nachdem der russische Kulturminister Schwidkoj gemeinsam mit seiner deutschen Kollegin Christina Weiss im Februar die baldige Rückführung der Sammlung zugesagt hatte, kam vor kurzem aus Moskau das "njet". Die russische Generalstaatsanwaltschaft verlangte von den Bremern weitere Nachweise über die Herkunft der Werke. Schließlich wurden die Baldin-Bilder doch noch gezeigt: allerdings im Moskauer Architekturmuseum.

In der hitzigen Debatte dreht sich schnell wieder alles ums Grundsätzliche, um die Frage, wer hier – historisch betrachtet – wem wie viel schulde. Um diesem Argument schon im Vorfeld zu begegnen, hatten die Bremer zugesichert, 20 der für die Russen und die Sammlung St. Petersburger Eremitage besonders wichtigen Blätter durch eine Schenkung zurückzugeben: ein Finderlohn gewissermaßen. Vergeblich. Jetzt brüten erneut Juristen über den letzten Details. Vielleicht klappt es noch in diesem Jahr, hoffen die Bremer, vielleicht.

Das Gerangel um die Baldin-Sammlung, die an der so genannten Beutekunst insgesamt nur einen sehr kleinen Anteil hat, ist eine typische Episode im deutsch-russischen Tauziehen um die "kriegsbedingt nach Russland verbrachten" Kunstgegenstände. Alles in allem, schätzt die Bundesregierung, sind etwa eine Million Objekte, davon 200000 Kunstgegenstände, außerdem 4,6 Millionen Bücher und Manuskripte sowie drei laufende Archivkilometer Akten nach dem Krieg aus deutschen Beständen nach Russland geschafft worden. Erst nach dem Fall der Mauer, besonders in den vergangenen Jahren, ist Bewegung in die starren Verhandlungen gekommen.

Schon die Terminologie auf beiden Seiten deutet darauf hin, wie kompliziert die Lage ist: Was sich im deutschen Sprachgebrauch als russische "Beute" festgesetzt hat, betrachten die Russen als "Trophäen", somit als Entschädigung für das Leid, das ihnen die Nazis zufügten.

Als spektakulärstes Stück Beutekunst gilt der Schatz des Priamos aus Schliemanns Sammlung Trojanischer Altertümer, die heute in Teilen im Moskauer Puschkin-Museum zu sehen ist. Erst 1994 gab die dortige Museumsdirektorin Irina Antonowa überhaupt zu, dass sie den Schatz in ihren Depots unter Verschluss hält.

Die verhärteten Positionen zwischen Deutschen und Russen erklären sich aus zwei unvereinbaren juristischen Standpunkten: Die deutsche Seite, besonders das Auswärtige Amt, beruft sich auf das Völkerrecht und hier auf die so genannte Haager Landkriegsordnung, derzufolge Kulturgüter nicht zur Kompensation oder Reparation von Kriegsschäden eingesetzt werden dürfen. Die russische Seite verweist auf das 1998 von der Duma verabschiedete Trophäenkunst-Gesetz. Jenes Gesetz erklärte kurzerhand die von den Trophäen-Kommissionen nach dem Krieg beschlagnahmten Kunstgegenstände zu russischem Eigentum und bildet heute eine kaum überwindbare Hürde in der Beutekunst-Frage.