Die verschärften Einreisebestimmungen gibt es allerdings nicht erst seit dem 11. September 2001. Schon nach dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 – bei dem einer der Attentäter ein Studentenvisum besessen hatte – ordnete die Clinton-Regierung eine bessere Überwachung ausländischer Studenten an. 1998 wurden die Gesetze abermals verschärft. Nun schreiben sie den Konsulaten strengere Kontrollen vor für Bewerber aus Kuba, Libyen, Iran, Irak, Nordkorea, Sudan und Syrien, die als "terrorismusfördernde" Staaten gelten. Unter Pauschalverdacht stehen auch Einreisende aus China, Indien, Israel, Pakistan und Russland – in diesen Ländern ist den Amerikanern die Kontrolle von Massenvernichtungswaffen zu lax. Schließlich verbreitete die Regierung eine Technology Alert List, auf der auch hochauflösende Kameras, spezielle Supercomputer und giftige Chemikalien stehen. Wer daran forscht, muss möglicherweise draußen bleiben. Konsularbeamte, die sich nicht auskennen – und die sind in der Mehrzahl –, können fast jedes Forschungsgebiet mit der Warnliste assoziieren.

So manche internationale Konferenz in den Vereinigten Staaten muss darunter leiden. Der russische Physiker Jewgenij Saldin, der am Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) in Hamburg forscht, sollte einen Vortrag bei einer Fachtagung in Argonne (Illinois) halten. Doch weder Saldin noch zwei Dutzend weitere Ausländer bekamen rechtzeitig ihre Visa, obwohl sich sogar der Gouverneur von Illinois für sie eingesetzt hatte. Saldins Büronachbar Michail Jurkow hält die Verhältnisse mittlerweile für schlimmer als in der früheren Sowjetunion: "Auch dort gab es einen Eisernen Vorhang, aber er hatte eine offene Tür für Wissenschaftler aus dem Ausland."

Big Brother auf dem Campus

Ironischerweise scheiterte im vergangenen September sogar eine Antiterrorkonferenz in Washington an den bürokratischen Hemmnissen: Den ausländischen Teilnehmern waren die Visa verweigert worden. All dies erzeugt eine Atmosphäre der Verunsicherung und des Misstrauens, auch in den Geisteswissenschaften. "Seit dem 11. September werden in den akademischen departments politische Streitfragen beschwiegen", sagt die deutsche Kulturwissenschaftlerin Barbara Hahn, die in Princeton lehrt. Man gehe sich aus dem Weg. Und auch sie stellt fest, dass es schwieriger geworden ist, Studenten aus aller Welt nach Princeton zu holen.

Das Image der USA als gelobtes Land der Wissenschaft ist angeschlagen, und noch lässt sich nicht vorhersagen, ob die zahlreichen Proteste von Wissenschaftsorganisationen erhört werden. "Colin Powell weiß um die Bedeutung des internationalen Austauschs für Amerika", sagt Victor Johnson von der Vereinigung Nafsa, dem Pendant zum Deutschen Akademischen Austauschdienst, "er redet dauernd davon – aber er kann nichts ändern." Die Befürworter einer rigiden Visumpolitik in Kongress und Behörden seien zu mächtig. Johnson ist einer der erbittertsten Gegner der neuen Gesetze. In dem einflussreichen Professorenblatt Chronicle of Higher Education, das den Visumproblemen kürzlich eine ganze Ausgabe widmete, schrieb er: "Wenn wir so weitermachen, werden wir in ein paar Jahren aufwachen und feststellen, dass unser Land schweren Schaden genommen hat." Johnson klingt nicht optimistisch. Auf seinem Schreibtisch steht eine Sisyphos-Figur. "Sie beschreibt mein Lebensgefühl", sagt er.

Immerhin hat sich jetzt der Wissenschaftsberater des Präsidenten, John Marburger, des Themas angenommen. Vor der American Association for the Advancement of Science (AAAS) versprach er: "Wir glauben verstanden zu haben, wo die Probleme liegen und wie wir sie lösen können." Eine bessere Koordinierung zwischen dem Department of Homeland Security, dem Außen- und dem Justizministerium soll den Visumstau auflösen.

Den Wissenschaftsorganisationen spenden solche Worte kaum Trost. Schon jetzt schadet ihnen die Antiterrorbürokratie, und die nächste Schikane entfaltet gerade ihre Wirkung: Im elektronischen Big-Brother-System Sevis (Student and Exchange Visitor Information System) sollen die ausländischen Studenten und Wissenschaftler an Hochschulen und Forschungseinrichtungen erfasst werden – eine Million Personen. "Mein Job hat sich gewandelt", sagt Marcy Cohen von der Rutgers-Universität, die normalerweise ausländische Studenten im persönlichen Gespräch berät, "ich bin jetzt eine Datenkontrolleurin für die Regierung." An der Harvard-Universität haben bereits zwei Studentenberater aus Frust über die Kontrollmaßnahmen gekündigt.