Die 88500 Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit sind neuerdings nur noch ein paar Mausklicks von Florian Gerster entfernt. Im Intranet können alle Bediensteten der Nürnberger Behörde einen Clip aufrufen, in dem ihr Chef einige Worte an sie richtet. Genau 13 Minuten und 34 Sekunden dauert der Spot. Gerster trägt, wie meist, einen anthrazitfarbenen Anzug und eine gestreifte Krawatte und begrüßt die Vermittler als "Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Ein bisschen erinnert er an den amerikanischen Präsidenten in dessen Fernsehansprachen. Nur die Fahne im Hintergrund fehlt.

Es gibt zwei Welten in der Bundesanstalt für Arbeit und ihren 180 Arbeitsämtern: einerseits eine neue Glitzerwelt, in der Vorgesetzte wie Gerster jetzt Vorstand heißen und sich mit modernen Kommunikationsmitteln an ihre Kollegen wenden. In dieser Welt diskutieren engagierte, kompetente Mitarbeiter von morgens bis abends darüber, wie die Ideen des Hartz-Konzepts möglichst schnell Wirklichkeit werden können. Dort müssen Arbeitslose nicht länger in hässlichen Fluren herumsitzen, sondern können Formalitäten am Telefon klären. In diese Welt gehört das Örtchen Lauf bei Nürnberg, wo Fachleute der Bundesanstalt mit externen Beratern Reformkonzepte erstellen. Hier entstand die Idee, nach britischem Vorbild ein Netz von Call-Centern mit den Arbeitsämtern zu verbinden. Im sächsischen Annaberg-Buchholz wird der Plan nun erprobt. Die schöne neue Arbeitsamtswelt reicht bis ins Erzgebirge.

Doch drum herum existiert noch immer die Alltagswelt der Arbeitsämter. In der haben Vermittler keine Zeit, Videoclips anzuschauen oder über Konzepte nachzudenken, weil sie im Schnitt mehr als 600 Arbeitslose zu betreuen haben. Und dabei haben sie noch immer ziemlich wenig Erfolg: In den ersten vier Monaten dieses Jahres habe jeder Vermittler im Durchschnitt gerade einmal 3,35 Arbeitslosen einen Job verschafft, ermittelte der Koblenzer Professor und Arbeitsmarktexperte Stefan Sell anhand interner Daten der Bundesanstalt. Wer einen Job sucht, gelangt jenseits des Erzgebirges auch nicht etwa an ein Call-Center, sondern muss sich mitunter eineinhalb Tage vergeblich mühen, überhaupt einen Vermittler ans Telefon zu bekommen – zum Beispiel beim Arbeitsamt Potsdam.

Die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg im Jahr eins nach dem Vermittlungsskandal: Wer die Großbaustelle in diesen Tagen besucht, findet ein paar Ideen und erste Ansätze – aber kaum eine Veränderung zum Besseren. Stattdessen findet man Erklärungen dafür, warum es an der Basis von SPD und Grünen so sehr rumort. Warum viele in den Regierungsparteien nicht mittragen wollen, was Kanzler und Koalitionspartner sich ausgedacht haben, um die Arbeitslosigkeit zu senken.

"Fördern und Fordern" – diese beiden Begriffe verbanden sich in den vergangenen Jahren zur Maxime sozialdemokratischer Arbeitsmarktpolitik. Jetzt fordert Rot-Grün von den Arbeitslosen ganz besonders viel: Ältere Arbeitslose sollen nur noch 18 statt bisher 32 Monate Geld vom Amt bekommen, die Arbeitslosenhilfe soll entfallen zugunsten eines neuen Arbeitslosengeldes II auf Sozialhilfeniveau. Bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wird gestrichen und gekürzt, seit Anfang des Jahres müssen viele Arbeitslose auch Jobs fern der Heimat akzeptieren, wenn sie die staatliche Unterstützung nicht verlieren wollen.

Mit dem Fördern hingegen tun sich Regierung und Arbeitsämter momentan schwer. Wegen der schlechten Konjunkturlage nähert sich die Zahl der Arbeitslosen der Fünfmillionenmarke – das bedeutet: noch mehr Menschen, um die sich die überlasteten Mitarbeiter draußen in den Arbeitsämtern kümmern müssen. Die im Rahmen der Hartz-Reform eingeführten Instrumente für eine bessere Vermittlung von Arbeitslosen müssen erst einmal verstanden und erprobt werden. Und niemand weiß, wie vielen Menschen sie dann tatsächlich neue Jobs verschaffen werden.

Eine Million Neukunden für die überlasteten Vermittler

Derweil erhöht die Regierung weiter den Druck auf Arbeitslose und auf Arbeitsvermittler. Von Juli an muss sich jeder, der eine Kündigung erhält, sofort beim Arbeitsamt melden, sonst entfällt ein Teil der Unterstützung. Und demnächst sollen sich die schon jetzt überlasteten Vermittler auch noch um rund eine Million arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger kümmern. Kein Wunder, dass in der Alltagswelt der Arbeitsämter der Ärger wächst. In Gelsenkirchen weigerte sich der Verwaltungsausschuss, quasi der Aufsichtsrat des Arbeitsamtes, angesichts der vorgesehenen Kürzungen den Haushalt abzusegnen. Arbeitgeber, Gewerkschaften und Kommunalvertreter waren sich einig: Die Zahl der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen von 800 auf etwa 20 zu senken sei inakzeptabel.