Ganz Deutschland steckt in der Krise: Das Wachstum stockt, die Arbeitslosigkeit steigt – trübe Aussichten für Stellensuchende. Ganz Deutschland? Nein, einige Branchen trotzen der schlechten Wirtschaftslage, sie investieren, sie wachsen, sie stellen ein, ja, sie suchen sogar Nachwuchskräfte – und finden nicht mal genug.

"Der Arbeitsmarkt ist nicht generell negativ", sagt Franziska Schreyer, Arbeitsmarktforscherin bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, "vor allem für Hochschulabsolventen stehen die Zeichen gut." Obwohl die Arbeitslosigkeit unter Akademikern im vergangenen Jahr um 24 Prozent gestiegen ist, zählen sie immer noch zu den Privilegierten auf dem Arbeitsmarkt: Ihre Arbeitslosenquote liegt mit vier Prozent deutlich unter der allgemeinen Quote von über zehn Prozent. "Hochschulabsolventen sollten sich nicht durch das Krisengeschrei abschrecken lassen", sagt auch Manfred Bausch von der Arbeitsmarktinformationsstelle der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn. Der Bedarf an Akademikern sei weiterhin hoch, und er werde sogar noch steigen. Große Nachfrage nach Absolventen gibt es schon jetzt im Bildungsbereich, vor allem in den Schulen, im gesamten Gesundheitssektor – Ärzte, Apotheker, Pharmaindustrie – sowie im Maschinenbau und in der Elektroindustrie. Selbst im zuletzt arg gebeutelten Informations- und Kommunikationsbereich (ITK) existieren berufliche Nischen, in denen gut ausgebildete Fachleute unterkommen. Ein Informatik-Studium lohne sich nach wie vor, betont Heinrich Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik: "Sobald sich die Konjunktur erholt, werden Informatikfachleute dringend gesucht." Bis dahin heißt es: Befristete Projekte annehmen, Praktika machen, die Zeit mit Weiterqualifizierungen überbrücken oder auch in weniger naheliegende Branchen einsteigen. Warum nicht als Softwareentwickler zu einer Versicherung gehen?

Wer regional mobil sei, habe gerade in Süddeutschland noch gute Chancen, beobachtet Stephan Pfisterer, beim IT-Bundesverband Bitkom für Bildung und Personal zuständig. Der technische Bedarf sei da, es gebe sogar einen regelrechten Investitionsstau aus den vergangenen zwei Jahren. So laufe das Geschäft mit der Breitbandtechnologie wieder besser, auch der Bereich IT-Sicherheit gewinne an Bedeutung, ebenso die virtuelle Verwaltung, aber auch Jobs an der Schnittstelle zur Old Economy, beispielsweise in der Autoindustrie.

Gut sieht es auch für Ingenieure aus: Zurzeit werden mehr Absolventen gesucht, als die Universität verlassen, beobachtet man beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Besonders gute Chancen haben Elektroingenieure, auch Absolventen der noch recht neuen Studienrichtung Mechatronik – einer Kombination aus Maschinenbau und Elektrotechnik – werden dringend gesucht, ebenso Ingenieure mit elektronischen Spezialkenntnissen. Auf der Wunschliste der Unternehmen stehen auch Verfahrenstechniker mit Biologiekenntnissen oder Physiker mit ingenieurwissenschaftlichem Know-how. Wer die nötigen Zusatzqualifikationen nicht mitbringt, kann jetzt die Krise nutzen, um sich entsprechend weiterzubilden. Nur ein Praktikum zu machen reicht allerdings meist nicht aus, man sollte sich auch nach passenden Traineeship-Programmen oder Aufbaustudiengängen umsehen.

Besonders gefragt sind auch Absolventen mit einer Doppelqualifikation, etwa Informatiker mit ingenieur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Zusatzkenntnissen oder Elektrotechniker mit IT-Know-how. Sehr gut liefen auch alle Kombinationen zwischen Technik und Naturwissenschaften, so Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

An den Schulen rollt die große Pensionierungswelle, nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fehlen schon jetzt 50000 Lehrer. Letztes Jahr warben sich einige Bundesländer sogar gegenseitig Lehrer ab. Doch auch im pädagogischen Staatsdienst gilt: Nicht alle Absolventen sind gleichermaßen begehrt. Großer Mangel an Lehrkräften herrscht nach wie vor an den Berufsschulen, aber auch bei einigen Fächern in den Sekundarstufen, vor allem in den Naturwissenschaften und Sprachen. Weitgehend gesättigt ist dagegen der Markt für Grundschullehrer. Selbst wer nicht auf Lehramt studiert hat, kann von der Einstellungswelle in den Schuldienst profitieren. In nahezu allen westlichen Bundesländern werden mittlerweile Quereinsteiger fürs Lehramt nachqualifiziert, sodass auch manch arbeitsloser Magister hier noch Chancen haben dürfte.

Mit solchen Nachbesserungsmaßnahmen lässt sich dagegen der Nachwuchsmangel im Gesundheitssektor nicht beheben – zu spezialisiert und reglementiert ist die Ausbildung. Vom nächsten Jahr an werden nach Einschätzung der Bundesärztekammer zunächst Augenärzte und Radiologen knapp, dann Allgemeinmediziner, Gynäkologen und Kinderärzte, schließlich auch Fachärzte für Hals-Nasen-Ohren und Urologie. Bis zum Jahr 2010 werden allein 23000 Hausärzte ausscheiden, vor allem in den neuen Bundesländern ist die Versorgung von Patienten in manchen ländlichen Regionen schon jetzt gefährdet. Nicht schlecht stehen trotz Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen auch die Jobchancen für Apotheker, schließlich geht gut ein Drittel der etwa 58000 Apotheker in den nächsten Jahren in Rente und viele Frauen in die Babypause. Und wer nicht über Risiken und Nebenwirkungen aufklären möchte, findet eine ganze Reihe von Einsatzmöglichkeiten in der pharmazeutischen Industrie. Da seien Apotheker "sehr gefragt", so Christiane Eckert-Lill von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, vor allem für Schnittstellenaufgaben, etwa in der Forschung und Entwicklung neuer Medikamente, aber auch in der Qualitätskontrolle und bei der Zulassung.