Die noble Barocksilhouette kündet vom einstigen Ruf Dresdens als "Elbflorenz". Doch wenige Schritte hinter dem Elbufer klaffen immer noch riesige Löcher in der vom Bombenkrieg verwüsteten Innenstadtlandschaft. Nur langsam füllen sich die Brachen auf der Altstadtseite mit mal mehr, mal weniger gelungenen Neubauten. Trotz unübersehbarer Fortschritte, wie dem fast abgeschlossenen Wiederaufbau der Frauenkirche, ist das alte Dresdner Zentrum noch kein rechter Ort zum müßigen Verweilen, zum Flanieren und Bummeln geworden.

Für einen Citymanager wie Raimund Wördemann eine Herausforderung. "Wir mussten erst einmal ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es die Dresdner City überhaupt gibt" sagt er. Um mehr Leute in die Innenstadt zu locken, schuf er eine eigene Zeitungsbeilage, in denen die Vorzüge des Zentrums rund um Prager Straße, Alt- und Neumarkt gepriesen wurden. Er organisierte eine "lange Einkaufsnacht" und eine Nacht mit abgefahrenen Tanzveranstaltungen in der Tiefgarage eines Kaufhauses oder im Siebziger-Jahre-Ambiente des Kulturpalastes. Mit Politikern verbündete er sich gegen neue Einkaufszentren am Stadtrand, holte Händler, Makler, Immobilieneigentümer an einen Tisch. Schließlich kümmerte er sich um das allgegenwärtige Verkehrschaos – und mit seinem Projekt der "City-Stewards", die als wandelnde Wegweiser und Kummerkasten dienen, machte er sogar bundesweit Furore.

Aufgabe eines City- oder Stadtmanagers ist es, die von den attraktiven Einkaufszentren auf der "grünen Wiese" bedrängten Innenstädte vor der Verödung zu bewahren. Als "Lobbyist" für die City vermittelt er zwischen den gesellschaftlichen Gruppen einer Kommune, versucht Politik, Verwaltung, Handelskonzerne, Privatleute und Medien zu gemeinsamem Handeln zu bewegen. In Zeiten sinkender Konsumneigung und harten Standortwettbewerbs setzten zunehmend auch kleinere Städte auf das Instrument eines modernen kommunalen Marketings, beobachtet Florian Birk, Vorsitzender der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland (BCSD).

In den achtziger Jahren nahmen die ersten Citymanager in Deutschland ihre Arbeit auf. Mittlerweile gebe es bundesweit etwa 500 institutionalisierte City- und Stadtmarketinginitiativen in öffentlich-privater Partnerschaft, schätzt Birk. Meist sind sie als eingetragene Vereine organisiert. In Dresden gehören zu den 75 Mitgliedern neben der Stadt Dresden zahlreiche Händler, Tourismusunternehmen, Immobilienmakler und Projektentwickler und sogar eine Kirchengemeinde. Mit ihren Beiträgen finanzieren die Mitglieder nur den Arbeitsplatz des Citymanagers und ein kleines Büro. Das Geld für die einzelnen Projekte muss sich Wördemann bei Sponsoren selbst besorgen. "Man muss auf der Glatze Locken drehen können", sagt der 38-Jährige. Andere Citymanager verfügen über einen festen Etat, vor allem dann, wenn sie einer GmbH oder AG vorstehen. Immer häufiger werden Stadtmarketing-Organisationen zurzeit in rechtlich eigenständige Gesellschaften überführt. Wenn die Kommunen dann Tätigkeiten "outsourcen", bekommen sie auch schon mal öffentliche Aufgaben übertragen, zum Beispiel die Parkraumbewirtschaftung. Diese "zweite Professionalisierungswelle" lasse den Bedarf an Fachkräften steigen, meint Roland Wölfel, Geschäftsführer der Cima GmbH für Stadt- und Regionalentwicklung, einem der größten Anbieter in Deutschland.

Das relativ junge, weitgehend ungeregelte Berufsfeld des Stadtmanagers lockt viele Quereinsteiger. Auch Wördemann kam auf Umwegen zu seinem Dresdner Job. Der studierte Kulturwissenschaftler hatte vor seiner Dresdner Anstellung für das Münchner Goethe-Institut die Inlandsstandorte weltweit vermarktet. Andere Citymanager sind Geografen oder Betriebswirte, Touristiker oder Verwaltungsfachleute. Sie müssen Organisationstalent und Verhandlungsgeschick, aber auch politisches Gespür mitbringen. "Man sollte mit dem Oberbürgermeister genauso gut klarkommen wie mit den Bürgern am Stammtisch", sagt Wölfel. Oft müsse ein Citymanager zwischen konkurrierenden Parteien vermitteln. Reibungsverluste bleiben nicht aus. Wördemann kennt den ständigen Erfolgsdruck und das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Sehr wichtig sei es, sich hundertprozentig mit dem gewählten Standort zu identifizieren. Die eigene Heimatstadt solle es aber besser nicht sein – wegen der nötigen Unabhängigkeit.

Die Arbeit eines Citymanagers lernt man meist in der Praxis als training on the job, idealerweise als Assistent eines erfahrenen Kollegen. Das Institut für City- und Regionalmanagement in Ingolstadt bietet berufsbegleitende Wochenendkurse, in denen das nötige Handwerkszeug vermittelt wird – von wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen, Stadtplanung und Wirtschaftsförderung bis hin zu Stadtmarketing und Public Relations. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und kostet 4000 Euro. Wer teilnehmen will, muss ein abgeschlossenes Studium in VWL, BWL, Jura, Verwaltungswissenschaft, Geografie, Architektur, Sozial- oder Kommunikationswissenschaften oder eine mindestens dreijährige einschlägige Berufspraxis vorweisen.

Wenn man es einmal zum Citymanager gebracht hat, sollte man nicht auf seinem Sessel kleben bleiben. Maximal fünf Jahre seien genug an einem Ort, rät Wördemann. "Man darf nicht berechenbar werden, wenn man den Laden in Schwung halten will." Er selbst will im Sommer nach drei Jahren in Dresden die Segel streichen. Um die einheitliche Weihnachtsbeleuchtung für die Innenstadt, die Wördemann seit längerem vorbereitet, wird sich dann sein Nachfolger kümmern müssen.