Träume verschieben

Bettina Hassemer, 36, hat vieles ausprobiert und oft von vorn angefangen

Spätestens beim Frühstück beginnt Bettina Hassemer zu überlegen, was sie an diesem Tag tun kann, um Arbeit zu finden. "Wer könnte mich brauchen?", fragt sie sich dann. Und: "Wie überzeuge ich am besten?" Wenn das Koffein des Milchkaffees in ihren Adern angekommen ist, setzt sie sich hin und schreibt Initiativbewerbungen, zum Beispiel an die PR-Abteilungen des Hamburger Flughafens oder der Lufthansa. Einfach so, weil in den Zeitungen nichts drinsteht und weil sie etwas tun muss gegen die Arbeitslosigkeit und gegen den Frust. Die meisten Bewerbungen findet sie kurze Zeit später in ihrem Briefkasten wieder, andere liegen noch immer auf den Schreibtischen der Personaler: Nein, im Moment könne man sie leider nicht einstellen, aber vielleicht später. Bettina Hassemer weiß es längst besser: "Die meisten finden meinen Lebenslauf zwar interessant und sind neugierig, was das für ein Mensch ist, der so viel gemacht hat. Aber dann entscheiden sie sich doch für den geradlinigen, schnörkellosen Bewerber." Lange Zeit war sie stolz auf die Schnörkel und Kurven in ihrem Lebenslauf, inzwischen ertappt sie sich manchmal bei dem Gedanken: "Hätte ich doch nur zusätzlich noch BWL belegt."

Nichts wäre ihr abwegiger erschienen, damals vor 14 Jahren, als sie begann, Amerikanistik, Hispanistik und Psychologie zu studieren. Fließend Englisch und Spanisch zu sprechen, um später im Ausland zu arbeiten, das waren ihre Pläne. Nach einem Praktikum beim Goethe-Institut in Atlanta träumte sie von einem Job in der internationalen Kulturarbeit. Als sie mit dem Studium fertig war, gab es solche Stellen nicht. Aber Bettina Hassemer hatte sich ja noch lange nicht festgelegt, sie konnte sich vieles vorstellen. Den Einstieg in die Medienbranche zum Beispiel. Sie ergatterte ein Praktikum bei einer TV-Produktionsgesellschaft und bewarb sich später für Volontariate in ganz Deutschland, bei den Privaten, beim ZDF, der ARD. Keine Zusage, nirgends. Ein Dreivierteljahr war seit Studienende vergangen. Sie wollte nicht arbeitslos sein. Also begann sie bei einer Zeitarbeitsfirma – bearbeitete die Kundenpost für Beiersdorf, vertrat die Sekretärin eines Chefarztes in der Hamburger Endoklinik und entschied mit, "welcher Patient als Nächstes eine neue Hüfte bekommt". Ein vergeudetes Jahr? "Mir wurde zumindest klar, wo ich auf keinen Fall arbeiten will."

Im Juni 1999 flog Bettina Hassemer nach Palma de Mallorca. Nicht in die Ferien, sondern um auf der Insel ihren ersten richtigen Job anzutreten, als Redakteurin beim Mallorca-Fernsehen – befristet auf ein halbes Jahr. Beim Lifestyle-Magazin Top Mallorca bekam sie das ersehnte journalistische Volontariat. Sie schrieb über Nobelrestaurants, Weingüter, Tauchkurse, Kletterfreaks und kannte die Insel bald in- und auswendig.

Als es nach einem Jahr Zeit für den Rückflug war, landete sie mitten im deutschen Internet-Hype. Es war der Frühling 2000, Goldgräberstimmung, die Zeitungen waren voll mit Stellenanzeigen. "Ich wollte rein in das Geschäft, endlich gutes Geld verdienen, egal wo", erinnert sie sich. Sie fand eine Stelle als Internet-Redakteurin bei einem neu gegründeten Gesundheitsmagazin und zog dafür von Hamburg nach Frankfurt. Schnell stellte sie fest, dass sie nahezu allein für die Konzeption des Internet-Auftritts zuständig sein sollte. Sie ließ sich nicht abschrecken von so viel Neuland, begriff es als Chance, machte Vorschläge, schrieb Konzepte, entwarf Inhalte. Doch es tat sich nichts. "Die Internet-Seite ist nie an den Start gegangen, man hat mich nur vertröstet und ins Leere arbeiten lassen", sagt sie. Nach neun Monaten war ihre Geduld am Ende. Sie wollte zurück an die Elbe, fand eine neue Stelle und kündigte in Frankfurt. Wenige Monate später erfuhr sie, dass das gesamte Projekt eingestampft wurde. Sie war gerade rechtzeitig entkommen.

Doch die Pleitewelle setzte sich überall im Land in Bewegung. Ihre neue Stelle in der Internet-Redaktion des Kirch-Fernsehsenders Hamburg 1 wurde zum Ende ihrer Probezeit gestrichen. Die Redaktion hatte ambitionierte Pläne, Bettina Hassemer gute Ideen – dann kam der Kirch-Konkurs. "Ich muss ein Händchen für besonders perspektivlose Jobs haben", sagt sie mit einem verzweifelten Lächeln und rührt in ihrer leeren Cappuccinotasse. Der Kellner bringt ihr einen neuen, den er am Nachbartisch nicht loswurde. Gratis. Aber Bettina Hassemer schüttelt undankbar den Kopf. Sie will jetzt keinen Cappuccino mehr, auch nicht umsonst. Ein bisschen ist das wie mit ihren Jobs. Sie will sich nicht mehr verführen lassen, nicht vom Ausland, nicht von Geld, nicht von verheißungsvollen Projekten. Wonach sie sich sehnt, ist "ein bodenständiger Job, bei dem ich endlich ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln kann". Jetzt versucht sie den Quereinstieg ins PR-Geschäft – und hofft, "damit den roten Faden in meinem Lebenslauf nicht ganz zu verlieren". Sie hat eine neunmonatige Weiterbildung zur Projektmanagerin gemacht. Das dazugehörige Praktikum führte sie in die Werbe- und Kommunikationsabteilung eines Herstellers von Kühlschmierstoffen. Angst vor neuen Aufgaben und fremden Themen kennt sie nicht, schließlich hat sie oft genug gezeigt, dass sie sich auf allen Gebieten schnell einarbeiten kann und zur Not auch bis tief in die Nacht am Schreibtisch sitzt. Aber in diesen Zeiten hilft ihr ihre Flexibilität nur, die eigene Durststrecke zu meistern. "Im Moment sind wieder die Durchstarter gefragt", sagt Hassemer. Sie bereut es trotzdem nicht, so vieles ausprobiert zu haben, aber ihre Prioritäten haben sich verschoben. Ob sie mit einem Job glücklich ist, kann nun kein Maßstab mehr sein. Für eine längerfristige Perspektive würde sie inzwischen etliche Abstriche in Kauf nehmen. Sie würde die Zähne zusammenbeißen und aushalten. "Träume", sagt Bettina Hassemer "kann ich mir vielleicht in zehn Jahren mal wieder leisten. Jetzt nicht."