Frei bleiben

Dörte Krützfeld, 31, besitzt vier Visitenkarten und bewältigt bis zu 3 Jobs gleichzeitig

Es gibt Tage, an denen ärgert sich Dörte Krützfeldt darüber, dass der Mensch schlafen muss. Warum kann nicht wenigstens sie eine Ausnahme sein? Dann würde sie endlich die Dinge lernen, für die sie keine Begabung hat. "Mathematik vor allem, weil die so elegant ist und der Musik am ähnlichsten." Was könnte man nicht alles anfangen mit sechs oder acht Stunden mehr am Tag! Sie hätte längst ein Hörspiel produziert oder das Theaterstück in ihrem Kopf zu Papier gebracht. In einem Leben ohne Schlaf käme sie problemlos auf ein halbes Dutzend Visitenkarten, bis jetzt hat sie nur vier. Auf der einen steht "Diplomkommunikationsdesignerin", was so viel heißt wie: Sie ist Fotografin, Grafikdesignerin, Texterin. Mit der zweiten wirbt sie für sich als "Autorin" und ist damit hauptsächlich in Verlagen, bei der Buchmesse oder bei Frauenzeitschriften unterwegs. Die dritte Karte ist universell einsetzbar. Und die vierte zeigt Dörte Krützfeldt mit einem riesigen zotteligen Wasserbüffel. Die ist ihr im Moment die liebste, weil sie sich damit als Musikerin verkauft, in diesem Fall als Lalah – so heißt ihr Soloprojekt.

Dörte Krützfeldt ist nicht nur Künstlerin, sie ist Lebenskünstlerin, Jobhopperin, Arbeitsakrobatin. Arbeitswissenschaftler kennen etliche Ausdrücke für Leute wie sie, die ohne geregeltes Einkommen, ohne bezahlten Urlaub oder Wochenendzuschläge ihr Berufsleben zusammenflicken und mehrere Jobs gleichzeitig bewältigen. Die meisten dieser Patchworker tun das gezwungenermaßen, weil nichts Festes zu kriegen ist. Dörte Krützfeldt lebt freiwillig so. Ihre Eltern verstehen das nicht. Sie hatte so viele Möglichkeiten! Opernsängerin hätte sie werden können, mit dieser Stimme! Aber das entschied sie anders. Mit 17 machte sie ihrem ungarischen Gesangslehrer klar, dass sie Popmusik lieber mag und ihre Stimme dafür mehr Hauch braucht. Das war das Ende ihrer klassischen Gesangskarriere. "Im Opernchor ging es zu wie bei Beamten, die probten von neun bis fünf. Da wäre ich eingegangen", sagt sie.

Sie gründete verschiedene Bands und studierte in Kiel und Hamburg Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie. Sie war gut, schloss mit "Eins" ab, vielleicht auch, weil sie gelassener als andere war, denn sie studierte vor allem, "um später vernünftige Nebenjobs zu finden, die mir meine Musik finanzieren". Deshalb hat sie auch nach dem Examen alle festen Angebote ausgeschlagen, egal, ob in Werbe- oder Design-Agenturen. "Ich habe mich totgelacht, wie viel Geld die mir angeboten haben!" Sie wollte ja nicht reich werden, sie wollte frei bleiben. Sie arbeitete für Zeitschriften und Werbeagenturen, fotografierte für BMW eine Imagebroschüre, half hier mal aus, machte da mal eine Urlaubsvertretung, schlüpfte zwischendurch für ein paar Wochen in die Rolle einer Artdirectorin, spürte die Fesseln und wollte so schnell wie möglich wieder weg.

Mit Freund und Katze zog sie in eine große WG, richtete sich ein Studio ein und war froh, wenn sie ihren Milchkaffee in den Arbeitspausen nicht allein trinken musste. Seitdem ist nun jede Woche anders, mal herrscht Ebbe, dann kommt wieder Flut. "Es ist leichter, sich zu befreien, als frei zu bleiben", sagt sie. Der äußere Druck nimmt zu. Hiobsbotschaften von Leuten, die in Redaktionen oder Agenturen ihre Stellen verlieren, lassen sie nicht unbeeindruckt, weil sie weiß, dass sich die Freiberufler draußen drängeln. Es werden immer mehr, die so leben wie sie. Andererseits werden die anderen immer wieder nach dem festen, sicheren Job streben, sie nicht. "Dies ist ein Planet, der sich im Weltraum dreht. Es gibt keinen Halt, keine Sicherheit, also brauche ich mir diese auch gar nicht erst vorzugaukeln." Das hält Dörte Krützfeldt jedem entgegen, der ihr einreden will, ihr Leben brauche mehr Klarheit. Und sie grinst dabei so frech und entwaffnend, dass jedes Gegenargument sinnlos scheint. Selbstironie und Humor seien ihre besten Waffen gegen Verzweiflung, Leere und Zukunftsangst.

Leere herrscht immer dann, wenn ihr nichts einfällt für einen neuen Song, wenn es keinen neuen Auftrag gibt, wenn sie nicht weiß, wie sie ihren Dispokredit in diesem Monat auffüllen soll. Und Zukunftsangst bekommt sie, wenn sie über den richtigen Zeitpunkt für Kinder oder das Älterwerden nachdenkt. "Für eine vernünftige Altersvorsorge bräuchte ich 100 Euro mehr im Monat", hat sie sich ausgerechnet. "Doch das würde bedeuten, dass ich mehr Jobs annehmen und mehr Zugeständnisse machen müsste. Dazu bin ich im Moment nicht bereit." Weil sie Zeit für ihre Musik haben und sich auch weiterhin vor jedem neuen Job den Luxus leisten will zu fragen: "Wer bin ich, wo will ich hin, und ist das wahrhaftig, was ich tue?"