Als Alexander Reif* mit Laptop unterm Arm um kurz vor elf am Morgen aus dem Büro strebte, verstanden die Kollegen die Welt nicht mehr. "Einer hat mehrfach gefragt, ob ich wirklich nach Hause gehe. Und die anderen starrten, als sei ich von einem anderen Stern", erinnert sich der 28-Jährige.

In der Berliner Zentrale der Wohlfahrtsorganisation, in der Reif sich seit einem Jahr um die Finanzierung internationaler Hilfsprojekte kümmert, war der Strom ausgefallen. Computer und Telefone standen still. Und während die Kollegen dasaßen und warteten, dass irgendetwas passiert, erklärte Reif kurzerhand seine Wohnung zum Home-Office.

"Mit dem Alter lässt eben die Flexibilität nach", ist Reif überzeugt. Von seinen etwa 70 Kollegen ist keiner unter 40, die meisten Mitarbeiter sind jenseits der 50 und Zeit ihres Berufslebens Angestellte der Wohlfahrtsorganisation. Mit guten Ideen stoße er ständig auf Widerstand, klagt Reif. "Als ich in der Probezeit dargelegt habe, wie man den Internet-Auftritt verbessern und Verwaltungswege verkürzen könnte, war die Reaktion: Das haben wir immer so gemacht."

Forsche Berufsanfänger auf dem neuesten Stand der Technik contra altgediente Betriebssenioren mit Hang zum Bewährten – diese Konstellation führt vielerorts zu Kämpfen am Arbeitsplatz. Wo Jung und Alt im Unternehmen aufeinander prallen, schafft das fast immer böses Blut", sagt Ulla Dick, Hamburger Psychologin und Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Mitarbeiterbeziehungen. Die Alterung der Gesellschaft, die auch an den Unternehmen nicht vorbeigeht, und das beschleunigte Tempo technischer Innovationen verschärfen die Spannungen.

Die Jungen verweigern den Respekt

Generationenstreit kennt viele Gesichter: In der Wirtschaftsredaktion einer Hamburger Zeitschrift bekommen sich ein junger und ein alter Redakteur darüber in die Haare, ob in einem Text das Wort "Sex" auftauchen darf. In der Zentrale einer Frankfurter Bank macht es einen Berufsanfänger jedes Mal wütend, wenn die ältere Teamkollegin vor dem Chef kuscht. In einer Kölner Schule rüffelt der alte Direktor eine junge Lehrerin wegen ihrer zerrissenen Jeans. Und in einer mittelständischen Textilfirma in Bremen holt der Chef die langjährige Schnittmeisterin aus dem Ruhestand zurück, nachdem seine Tochter und designierte Nachfolgerin begonnen hatte, Schnittmuster per PC herzustellen und Stoffe übers Internet zu bestellen.

Offene Auseinandersetzungen sind laut Dick die Ausnahme. Bemerkbar machten sich die Konflikte meistens auf subtilere Weise: Die Jungen zeigten den Alten gegenüber keinen Respekt, und im Gegenzug verweigerten die Alten den Jungen die Teilhabe an ihrer Erfahrung und ihren Netzwerken. "Es bilden sich Grüppchen entlang der Generationengrenzen. Ein Wissensaustausch findet nicht statt." Wo eine Altersgruppe zahlenmäßig klar dominiert, so das Ergebnis einer Studie der Berliner Beratung für Personalentwicklung Unique, seien die Folgen am schlimmsten: Die altersbedingten Außenseiter verlassen oft frustriert das Unternehmen.

Nicht so Alexander Reif. Er hofft, dass bald jüngere Mitarbeiter eingestellt werden und seine Isolation ein Ende hat. Das gestörte Klima ist unübersehbar: Reif wurde neulich als Einziger im Kollegenkreis nicht zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. "Außerdem ignoriert ein Teamkollege meine E-Mails und lässt Besprechungen unter vier Augen regelmäßig in letzter Minute platzen", sagt er.