Kurz vor ein Uhr am Mittag verwandelt sich der lichtdurchflutete Speisesaal des Maximilianeums in eine Bühne. Jeden Tag wird hier das gleiche Stück gespielt. Wie Soldaten beim Antreten steht ein Dutzend junger Studenten hinter ihren Holzstühlen, sie unterhalten sich gedämpft und warten. Punkt 13 Uhr tritt Hanspeter Beißer in den Raum, der Hausherr im dunklen Anzug mit gestreifter Krawatte. Die Studenten grüßen höflich, dann setzen sie sich – gemeinsam, als gehorchten sie einem unausgesprochenen Kommando. Zwei Bedienungen mit weißen Schürzen kommen herein. Heute tragen sie: Suppe, Kohlrouladen, Kartoffelpüree. Früchtequark zum Nachtisch. Und an der Wand wacht ein Kruzifix.

Die Teilnahme am mittäglichen Ritual ist freiwillig, doch wer kommen kann, kommt. Denn das Mittagessen im Maximilianeum hat mit dem in der Uni-Mensa nichts gemein. Porzellan statt Plastik; mit Initialen bestickte Tücher aus Stoff statt Papierservietten; auf der Suppe schwimmt eine Sahnehaube. Nur das Ende ist tückisch: Wenn der Hausherr aufsteht und den Tisch verlässt, müssen alle anderen ebenfalls gehen. Der Stiftungsvorstand ist gnädig, er isst langsam.

Maximilianeer – das ist in Bayern wie ein moderner Adelstitel. Den sieben handverlesenen Abiturienten, die sich jedes Jahr die Eintrittskarte in diese feine Welt erarbeiten, soll es an nichts fehlen. Das wollte König MaximilianII. so, als er vor 150 Jahren einen Palast mit hohen Fenstern und mächtigen Mauern neben die Isar bauen ließ, in dem die Stiftung Maximilianeum bis heute sitzt. Mit ihr wollte er "talentvollen bayerischen Jünglingen" ein Studium ohne Sorgen ermöglichen und sie so zu treuen Staatsdienern heranziehen. Frauen dürfen erst seit 1980 ins Maximilianeum. Obwohl damals eine Abiturientin mit einer Klage vor Gericht gescheitert war, zeigte man sich von da an gnädig.

Tina Dangl, 23, gehört zu den 44 Stipendiaten, die im nobelsten Studentenwohnheim Deutschlands wohnen. Sie und ihre Kommilitonen werden von acht Angestellten umsorgt: einem Koch, zwei Küchenhelferinnen, dem Hausmeister, der Waschfrau und den drei Putzfrauen, die nicht nur die breiten Gänge des Stiftungstrakts reinigen, sondern auch die Zimmer. Alles bezahlt von der Stiftung Maximilianeum. "Für mich gehören die Putzfrauen zum Stiftungszweck", sagt Vorstand Beißer. Das Wort "Privilegien" mag er nicht – "Das klingt ja so, als wenn sie unverdient wären".

Ab und zu laufen Tina Dangl und ihren Mitstudenten ein paar Abgeordnete des Bayerischen Landtags über den Weg. Der tagt seit 1949 im selben Gebäude. "Wir können hier einfach so rumlaufen", sagt sie, "auch nachts um vier." Zu Beginn haben die Abgeordneten sie argwöhnisch beobachtet, mittlerweile feiern Volksvertreter und Studenten das Sommerfest gemeinsam auf der Terrasse, teilen sich Sauna und Schwimmbad.

Manchmal, wenn sie abends nach einem Tag voller Vorlesungen und Seminare zurück in ihren Palast kommt, fühlt sich Tina Dangl ein wenig erschlagen. Erschlagen von der ganzen Pracht, in der sie lebt. Von den Ölbildern, die König MaximilianII. in allen Gängen und Sälen aufhängen ließ. Vom Marmor überall. Von der eigenen Postleitzahl 81627, die ihr Wohnheim hat, dank des Landtages. Doch dann kommt die Jurastudentin in ihr weiß gestrichenes Zimmer, und dorthin hat die Pracht ihren Weg nicht gefunden. Holzbett, Holztisch, grauer Teppichboden und Holzregal. Es sieht nicht anders aus als in anderen Studentenwohnheimen auch.

Diejenigen, die es ins Maximilianeum schaffen, haben ein Eins-Komma-null-Abitur hingelegt, eine Empfehlung ihrer Lehrer in der Tasche und zwei weitere Auswahlstationen überstanden: die Prüfung für das Bayerische Hochbegabten-Stipendium und die so genannte Maximsprüfung im Kultusministerium. Da haben sie die Blumen eines Wiesenstraußes benannt oder das K.-o.-System der Fußballweltmeisterschaft in mathematischen Formeln erklärt. Vor allem haben sie jedoch die eigene Nervosität besiegt: Vergangenes Jahr hatte ein Kandidat solche Angst vor der Prüfung, dass er kniff und stattdessen drei Stunden mit dem Auto durch die Straßen fuhr.

Bei der ersten Prüfung wird im Schnelldurchgang das Abiturwissen abgeklopft, wer sie übersteht, erhält ein Stipendium von gut 400 Euro, bezahlt vom Freistaat. Doch nur wer auch die Maximsprüfung schafft, darf für die Dauer seines Studiums ins Maximilianeum einziehen. "Wir wollen aus den Leuten etwas herauslocken, sehen, wie sie reagieren", sagt Beißer zum Sinn der Tests. Einzelkämpfer hätten keine Chance, Offenheit und Neugier seien wichtig. "Das Mathematikgenie, das nie ein Buch in die Hand nimmt, ist bei uns falsch." Soziales Engagement ist, anders als bei vielen anderen Stipendien, keine Voraussetzung für einen Platz im Palast.