Der Weg in eine leuchtende Zukunft beginnt mit einer Seilfahrt ins dunkle 16. Jahrhundert. Obersteiger Manfred Beyer schließt die Gittertür des Förderkorbs. Zwei helle Glockenschläge ertönen. Es geht abwärts, 100 Meter tief, in die Welt, in der Gänge Stollen heißen und Leitern Fahrten. Unter der sächsischen Stadt Freiberg versammeln sich an diesem Montagmorgen zwei Studentinnen und acht Studenten. Die "Reiche Zeche" im Erzrevier wird für vier Stunden zu ihrer Seminar-Grube.

Umgang mit unbekannten Situationen – Entwicklung berufsbezogener Persönlichkeitseigenschaften – so lautet der Titel der Lehrveranstaltung an der TU Freiberg, bei der je zehn Studenten aller Fachrichtungen sieben mal vier Stunden in den Berg einfahren. Die Premiere gab’s im Wintersemester, hier läuft der Ferien-Kompaktkurs. Bis zum Sommer 2004 ist die Veranstaltung ausgebucht.

Die Studenten haben ihre Alltagskleidung gegen olivgrüne Hosen und Jacken getauscht. Schwarze und grüne Gummistiefel und blaue Bauarbeiterhelme komplettieren das Unter-Tage-Outfit, das schon eine Viertelstunde später ein Fall für die Waschmaschine sein wird. Die Teilnehmer werden kriechen und keuchen, schuften und schwitzen – und sollen so Denkanstöße bekommen, "für die Manager anderswo viel Geld bezahlen", wie Kursleiter Bernd Wilhelm, Chef des Sportzentrums der TU Bergakademie Freiberg, glaubt. Was den Vorständen ihr Outdoor-Camp mit Floßbau und Gewaltmarsch, das ist den Studenten das Unter-Tage-Seminar mit Kistentransport und Blindenführung.

Acht Minuten lang geht es über einen Kilometer in Richtung Süden. Es ist finster. Nur die Grubenlampen an den Helmen tauchen das rot-braune Gestein stellenweise in ein fahles Licht. Wasser plätschert. Wenigstens ist es hier unten wie immer zehn Grad warm.

An der Lufttemperatur liegt es aber nicht, dass wenig später die ersten Schweißtropfen über Daniel Flügges Gesicht rollen. Der Geophysikstudent schleppt mit dem angehenden Maschinenbauer René Xyländer eine Trage durch einen engen Stollen, 25 Kilogramm schwer. Übung Nummer eins ist im Gange. Die Trage knallt scheppernd gegen die Wände, immer und immer wieder, die behelmten Köpfe stoßen öfter mal gegen die Decke.

"Nun tragt ihr schwer an der Verantwortung", sagt Bernd Wilhelm doppeldeutig zu einer anderen Gruppe. In der Tat: Auf deren Trage liegt die Verletzungssimulantin Nadine Georgi, Geologiestudentin, 70 Kilogramm. Für die vier Männer an den Griffen bedeutet das Schwerstarbeit. Sie haben sich die Schleifgurte über die Schultern gehängt, die ersten Meter kommen sie noch gut voran – aber zu zweit nebeneinander ist an manchen Stellen kaum ein Durchkommen. "Halt, stopp, das schnürt ganz schön ab!", ruft einer, "Au, meine Schulter!", ein anderer. Zwangspause an einer windigen Stelle, kurze Strategiediskussion, neue Technik: Die Träger stehen sich vorn und hinten jeweils gegenüber, ihre Bäuche reiben aneinander wie beim Teletubby-Schmusen. Zentimeterweise geht es vorwärts. Genau so wie bei einer weiteren Übungsvariante: zwei Träger mit verbundenen Augen, eine sehende Führungsperson. Eine Führungspersönlichkeit? "Zu einem gewissen Teil will ich später schon Führungsverantwortung übernehmen", wird Betriebswirtschaftsstudent Christian Walter nachher zu Protokoll geben. "Aber ob meine Führungsqualitäten da unten gereicht haben, das kann ich nicht einschätzen. Da hören alle auf einen, und man darf nichts Falsches sagen. Dieses Vertrauen zu rechtfertigen, das ist schon eine Bürde." Sätze wie diese hört Bernd Wilhelm sichtlich gern. "In solchen Situationen muss man die Nerven bewahren, klare Anweisungen geben, sich dazu auch überwinden. Alle müssen sich auf die Partner einstellen", sprudelt es aus ihm heraus. "Das sind soziale Kompetenzen, die Sie später auch im Berufsleben brauchen." Training im Schacht, oben eine Macht, so soll es im Idealfall aussehen.

Denkprozesse sollen sie auslösen, die Übungen, die sich Wilhelm und sein Partner Bernd Eulitz ausgedacht haben. Strecken zurücklegen mit verbundenen Augen und Ohren, auf Kommando eines Partners Gegenstände holen, Höhenunterschiede überwinden, Hindernisse aus dem Weg räumen – vor solchen Aufgaben stehen die Studenten, die sich scharenweise anmelden, um die Höhen und Tiefen von Decken und Psyche kennen zu lernen. Die beiden Bernds sind Sportlehrer, Psychologen fahren nicht mit ein. "Aber Psychologie war bei uns im Studium auch mit drin, wir sind da nicht völlig unbeleckt", sagt Führungskraft Wilhelm und verweist nebenbei darauf, in welch hohem Maße die Persönlichkeit beim Sport gefördert werde: "Da kommen Grundemotionen wie Zorn und Wut hoch."

Übung Nummer zwei an diesem Tag. Über eine Fahrt, also eine Leiter, sollen zehn Kilogramm schwere Kisten nach unten transportiert werden. Es geht 30 Meter senkrecht in die Tiefe. Das Platzangebot gleicht dem eines Kamins. Die Studenten legen Sitz- und Brustgurte an, wappnen sich mit Schlingen und Karabinern. Zu zweit machen sie sich an die Arbeit, einer oben, einer unten, zwei zusammengebundene Kisten dazwischen. Eine kraftraubende Angelegenheit. Soft skills erfordern eben hartes Training. Bernd Eulitz, im signalroten Overall, sagt: "Es ist eine Belastung, aber das muss man mal gemacht haben, um zu erkennen: So aussichtslos es auch erscheint, man kann es schaffen."