Die Acht-Uhr-Vorlesung hat Fritz Scholz ganz schön ins Schwitzen gebracht. Die Hitze und dazu dieser Lärm! Unaufhörlich knattern Motorroller hupend an der Naturwissenschaftlichen Universität Hanoi in Vietnam vorbei. Das ist der Chemieprofessor aus Greifswald nicht gewohnt. Er ist einer der 25 Dozenten, die in diesem Jahr für mindestens eine Woche von der Ostsee nach Fernost gereist sind, um in der so genannten Spring School vietnamesische Graduierte zu unterrichten. Auf dem Seminarplan stehen fünf Fächer, von Geologie bis Plasmaphysik.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst lockte bereits 2001 mit dem zehn Millionen Euro schweren Programm "Export deutscher Studienangebote". Briten, Amerikaner und Australier, die in den Wachstumsmärkten rund um den Globus längst ganze Studiengänge feilbieten, sollten Konkurrenz bekommen. Über drei Jahre wurden damit 29 Projekte von deutschen Hochschulen gefördert, die in Asien, Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa Studiengänge anbieten. Das Programm soll der Internationalisierung der deutschen Hochschulen dienen. Und mittelfristig verspricht man sich auch ein lukratives Geschäft.

Die Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität ist in dieses akademische Import-Export-Geschäft mit eingestiegen. Für ihr Vietnam-Projekt fiel eine knappe Viertelmillion ab. Die Uni hatte ohnehin gerade ihre Kontakte in den einstigen DDR-Bruderstaat wiederbelebt. Viele der rund 50 Vietnamesen, die bis zum Mauerfall in Greifswald studierten, gehören heute zu den arrivierten Wissenschaftlern des asiatischen Landes.

Dass man mit Vorlesungen in Vietnam schon Geld verdienen kann, bezweifeln die Greifswalder allerdings. Einen Ableger ihrer Uni in Hanoi gibt es deshalb nicht. Stattdessen wählen sie unter den besten vietnamesischen Abgängern jedes Jahr einige Dutzend Graduierte aus, die kostenlos ein einjähriges Aufbaustudium in Hanoi absolvieren. Die Vorlesungen halten vietnamesische Hochschullehrer auf Englisch. Nur im Frühjahr werden im Wochentakt Greifswalder Dozenten eingeflogen. Darauf warten die Studenten gespannt, denn sie suchen Doktorväter. Die Promotion in Deutschland geht auf Kosten ihrer Regierung. Für Vietnam ist das Geld gut investiert, denn der Krieg gegen Amerika riss eine große Lücke in den akademischen Nachwuchs. Moderne Laborgeräte, teils von der Weltbank gestiftet, stehen unberührt in den Instituten herum. Keiner weiß sie zu bedienen.

Und das deutsche Geld? Pumpen es die Greifswalder gutherzig in die vietnamesische Forschung, während die heimischen Unis an Mittelkürzungen darben? Widerspruch im improvisierten Fakultätszimmer: Die Greifswalder Professoren sind nicht als Wohltäter, sondern aus Eigennutz nach Hanoi gekommen. Sie finden zu Hause keine qualifizierten Mitarbeiter mehr. Für ein Ost-Gehalt verirrt sich kaum noch ein Deutscher an den Rand der Republik.

Nicht allein der Talent-Import soll aber den Studienexport rechtfertigen. "Beide Seiten lernen viel", beteuert der Geologe Jörn Kasbohm. Zum Beispiel bei der Feldforschung für ein Umweltprojekt, das die Uni Greifswald mit ihren Partnern in der Provinz Nam Dinh initiiert hat. In dieser Region südlich der Hauptstadt beträgt die Lebenserwartung nur 55 Jahre. Von ihren kleinen Reisfeldern können die Familien nicht leben. Fabriken fehlen, aber zu Hause stellen die meisten Bauern Werkzeuge oder Haushaltswaren her.

Säure im Reisfeld

Im Dorf Van Chang schallt das Hämmern der Arbeiter unaufhörlich durch die Gassen. In Pfannen bringen sie alte Bierbüchsen zum Schmelzen – dörfliche Aluminiumgewinnung. Masken tragen sie dabei nicht. Auch die umhertobenden Kinder atmen die verdampfenden Lacke ungeschützt ein. Das Roh-Aluminium wird noch im Dorf weiterverarbeitet. Frauen tunken mit bloßen Händen Tücher in Säure, um damit ausgewalzte Aluplatten zu behandeln. Die späteren Kessel und Kochtöpfe sollen schließlich blitzblank in den Export gehen. Das Abwasser fließt ungefiltert in den Fluss, der die Reisfelder bewässert. Vor drei Jahren trafen sich Greifswalder Forscher mit Fachleuten aus Hanoi. Studenten aus Deutschland entnahmen Boden- und Wasserproben, die ebenso horrende Schwermetallwerte aufwiesen wie die Haarproben der Bewohner. Die Wissenschaftler verfolgten zwei Ansätze: Mikrobiologische Verfahren zum Abbau von Schwermetallen werden an die klimatischen Bedingungen angepasst und sollen bald leicht und billig anwendbar sein. In Bassins vor jedem Betrieb können die Familien dann durch Zugabe von Bakterien ihr Abwasser reinigen, bevor es in den Fluss gelangt. Außerdem überzeugten Greifswalder Raumplaner das Ortskomitee, dass die Gewerbe getrennt von den Wohnhäusern angesiedelt werden sollten. Am Rande des Dorfes wurde jetzt die Infrastruktur bereitgestellt: Straßen, Fundamente und Stromleitungen. Nur ein Problem ist noch nicht gelöst: Wie soll man die Bewohner zum Umzug überreden?