Der Fischkutter sieht aus wie ein Totenschiff. An dem gut 50 Meter langen Rumpf wuchert unter der weißen Farbe der Rost, bricht mit geschwulstartigen Kratern den Anstrich auf und frisst sich in Rinnsalen an den Stahlplatten entlang. Rätselhaft leuchtet in schwarzen Lettern am Bug Sherpa Uno - der Name eines nepalesischen Bergvolks, kombiniert mit dem italienischen Wort für eins. Die Buchstaben stehen so schief und krumm, als wollte jemand etwas vertuschen, eine falsche Fährte auslegen. Am Heck des Potts ist nicht der Heimathafen aufgemalt, noch weht dort eine Flagge, die auf die Herkunft hindeuten könnte. Der Ladebaum hängt zur Seite. Und über die Reling schielen ein paar Seeleute misstrauisch zum Kai.

Die Sherpa Uno liegt im Hafen von Port Louis auf Mauritius, das Reisemagazine als exklusive Urlaubsinsel im Indischen Ozean preisen. Doch ohne dass einer der Touristen es bisher bemerkt hätte, ist die Regierungsstadt Port Louis ein Piratennest weltweit operierender Freibeuter, die dem weißen Gold der Meere nachjagen. Ihr Liegeplatz ist der hinterste Winkel des von bewaffneten Wächtern abgesperrten Hafens, dort, wo die Sherpa Uno versteckt ist und gerade für den nächsten Fischzug klargemacht wird.

Das weiße Gold der Meere ist das Fleisch des Dissostichus eliginoides, des Schwarzen Seehechts, der auch Patagonian Toothfish, Pazifischer Seebarsch oder Merluz Nero genannt wird - ein hässlicher Fisch, der zerzaust und angenagt wirkt und dessen Unterkiefer weit nach vorn übersteht. Sein schneeweißes ölhaltiges Fleisch hat ihn zur begehrten Delikatesse der Top-Sushi-Restaurants in Japan und den USA und damit zum teuersten Fisch der Welt gemacht. In den Läden Tokyos müssen Kunden für das enorm zarte und zugleich bissfeste Fleisch, das dem der Jakobsmuschel ähnelt, 100 Euro pro Kilo hinblättern, schon der Fischer bekommt 10 Euro dafür. Mit nur einer Fangreise kann er durch den Schwarzen Seehecht zum Millionär werden.

Die Sherpa Uno hat gerade an die 150 Tonnen Fisch entladen - im Wert von 1,5 Millionen Euro. Schnelles Geld, denn eine Beutefahrt dauert nur zwei Monate.

Womöglich auch schmutziges Geld, da das Gros des vermarkteten Schwarzen Seehechts aus illegalen Fängen in der geschützten Zone der antarktischen Gewässer stammt. Riesige Geisterflotten, so munkelt man in den Häfen des südlichen Indischen Ozeans, plündern unter wechselnden Schattenflaggen das Meer leer. Ihre jährliche Beute: an die 30 000 Tonnen weißes Gold von über vier Millionen ausgewachsenen Fischen, eine Menge, die 1200 Eisenbahnwaggons füllen würde.

Warnungen, Schutzvorschriften und Verbote werden schlicht ignoriert

Ich habe mich mit den Papieren einer deutsch-neuseeländischen Fischfirma versorgt und gebe mich als deren Sourcer aus, der auf Mauritius neue Einkaufsquellen erkundet. In der Altstadt und der Capitanerie von Port Louis suche ich die Schiffsmakler auf, die vor Ort die ausländischen Reeder der Kutter vertreten und alle Geschäfte für sie abwickeln. Die Männer in den hochwandigen, getäfelten Kontoren, die meist kolonial nach altem Bohnerwachs und Zigarrenrauch riechen, sind freundlich, aber reserviert. Der eine verspricht, sich umzuhören - der andere will immerhin bei seinen Klienten nachfragen. Alle sind misstrauisch. Erst bei Happy World Marine treffe ich auf einen weniger zugeknöpften Agenten.