Die Partei hat nimmer Recht - da kann sie machen, was sie will. (Und es kommt auch nicht darauf an, um welche Partei es sich handelt.) Streitet sie sich, gilt sie als politisch unfähig. Parieren ihre Mitglieder stramm, gilt sie als politisch unfruchtbar. Veranstaltet eine Partei gar einen Mitgliederentscheid, wie es einige Kanzlerkritiker in der SPD wollen, dann gilt dies fast als Sakrileg. Obwohl doch gerade ein solches parteiinternes Plebiszit der blassen Herrschaft der bloßen Funktionäre entgegenwirken könnte. Was wir brauchen, sind offenbar stromlinienförmig funktionierende, antagonistisch disputierende, theoretisch machtkritische und zugleich praktisch machtbewusste Parteien. Wie gesagt: Die Partei hat nimmer Recht.

Aber was ist nun richtig? Richtig wäre es zunächst, Parteien als das zu sehen, was sie sind: politische Willensverbände. Wo kein Wille ist, da ist auch kein Weg - jedenfalls nicht in der Politik. Willensverband heißt zweierlei: Ein Wille ohne Verband, also der Wille nur einer Person, ist in der Politik ohne Bedeutung. Ein Verband hingegen, mit vielerlei Ansichten, aber keinem erkennbaren Willen (oder gar mit dem basisdemokratischen Habitus: Keine Macht für niemanden), zählt auch nicht viel.

Die Brücke zwischen beiden Elementen, zwischen dem Willen einerseits und dem Verband andererseits, kann aber nicht durch Verfahren um ihrer selbst willen geschlagen werden. Dazu nützt kein Plebiszit - denn mit ihm lässt sich im Grunde nur einfaches Unbehagen artikulieren - es taugt aber nicht dazu, komplexe Regierungsprogramme zu formulieren. Der Brückenschlag kommt aber auch nicht durch das Minimalverfahren des "Basta!", also eines ordre du mufti zustande. Mit anderen Worten: Wenn eine Partei anfängt, heftig über ihre inneren Prozeduren zu streiten, dann ist bereits Feuer unterm Dach. Dann hat der informelle Willensbildungsprozess schon lange versagt. Ein Versagen, das meistens der Führung des Verbandes (beziehungsweise der Partei) anzulasten ist.

Max Weber, der viel zitierte, hat den leitenden Politiker einmal als eine Art politischen Unternehmer beschrieben. Solche politischen Unternehmer brauchen nicht unbedingt Visionen, aber Vorstellungsvermögen, aktiv und passiv. Und sie müssen ihre sachliche Leidenschaft, also die Leidenschaft für eine Sache und nicht nur die für ihre eigene Stellung, auf die "Parteimaschine" übertragen können. Sonst bockt die Maschine - oder sie blockt.

Erst die Überzeugung, dann die Kraft, erst der Wille, dann der Verband: Das ist die Prioritätenfolge politischer Führung. Die Loyalität einer Partei braucht ein Programm, das mehr ist als ein Befehl.