Brüssel

Mag Tony den Gerhard noch? Und Gerhard den Jacques? Hat Jacques in Athen wirklich zwanzig Minuten mit Tony geredet? Alle paar Tage treffen sich die Regierungschefs der EU in wechselnden Formationen und erlauben den Journalisten Variationen der früher so beliebten Kreml-Astrologie: die Deutung von Gesten, Mienen und Launen. Da wird die Länge des Händeschüttelns gemessen, der Gesichtsausdruck interpretiert – als ob ein grimmiger Blick Europa ruinieren oder ein Lächeln die Union reformieren könnte.

Dieser Tage interessieren sich alle vor allem für einen: Tony Blair. Wenn sich die Regierungschefs aus Belgien, Frankreich, Luxemburg und Deutschland in der kommenden Woche in Brüssel treffen, spielt der britische Regierungschef die Hauptrolle – egal, ob er, wie bislang geplant, in London bleibt oder doch noch über den Kanal gebeten wird. Das Treffen – von bösen Zungen als "Pralinengipfel" tituliert – soll Europas Verteidigungsunion einen Schub geben. Das sagen die, die dabei sind. Die anderen, allen voran Tony Blair, mutmaßen hingegen, dass sie von der Nato und den USA abgekoppelt werden sollen. Das aber würde einen Riesenkrach provozieren. Den will gerade jetzt niemand.

Verzwickt? Eigentlich hatte sich der belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt alles einfach ausgedacht: Er wollte seinen Europafrust bekämpfen und nebenbei im heimischen Wahlkampf punkten. Also lud er mitten in der Irak-Krise die Franzosen, die Deutschen und später auch noch die Luxemburger zum Gipfel. Dessen Ziel ist es, "mehr Europa auch in der Verteidigungspolitik zu schaffen", so steht es in einem internen belgischen Papier. Außerdem geht es um einen EU-Generalstab, eine Beschaffungsagentur für Rüstungsgüter und höhere Wehretats.

Zwar bestreitet kaum jemand, dass Europas Regierungen ihre Verteidigungspolitik besser koordinieren sollten. Doch da Belgien nur die Avantgarde der Antikriegsfront zur Debatte geladen hat, sprießen die Verschwörungstheorien: Droht die Spaltung der Union? Eine Demonstration des Antiamerikanismus? Kerneuropa? Eine Revanche für den Brief der Acht? Erst in der letzten Woche machte die spanische Außenministerin Ana Palacio ihren Kollegen in Luxemburg Vorwürfe. Der stellvertretende britische Außenminister assistierte, und auch Italien, die Niederlande und Schweden protestierten offiziell. Erst kurz vor der Eskalation einigten sich die Minister auf einen Kompromiss: Die Union tut so, als fände nichts statt, ihr Hoher Repräsentant Javier Solana muss den Gipfel meiden.

Der Diplomatie ist damit Genüge getan. Doch was ist mit Tony? Vor allem im deutschen Kanzleramt hat man Angst vor der eigenen Courage bekommen, will zwar dem Belgier kurz vor den Wahlen den Gipfel nicht vermiesen und doch zugleich den Briten nicht verschrecken. Letzteres hat zwei Gründe: Zum einen soll Gras über den Graben zwischen Alt- und Neueuropa wachsen, und dabei spielt Blair eine wichtige Rolle. Und zum anderen braucht man sein Militär. Denn ohne Großbritannien wird eine Europäische Verteidigungsunion kaum zu wahrer Größe wachsen. Luxemburgs Armee wiegt die britische Marine nicht auf.

Die Briten geben nicht nur mehr für Rüstung aus als viele andere. Sie praktizieren zudem längst das, was der belgische Gipfel nun beschließen soll: Sie kooperieren. Schon 1998 vereinbarten Engländer und Franzosen in Saint-Malo eine stärkere militärische Zusammenarbeit. Dazu stehen sie seither fest: Noch in diesem Februar trafen sich Blair und Chirac in Le Touquet, um die Produktion von zwei Flugzeugträgern und die engere Kooperation abzusegnen. Oder: Schon 1999, der Kosovo-Krieg war gerade vorbei, beschlossen die EU-Regierungschefs in Helsinki eine tiefere militärische Zusammenarbeit – wieder auf Initiative der Briten und der Franzosen. Europäische Armeen sollen künftig in bewaffnete Konflikte eingreifen können – im Notfall mit 60000 Soldaten innerhalb von zwei Monaten. "Das Projekt hat große Fortschritte gemacht", sagt der deutsche Generaldirektor des EU-Militärstabes Rainer Schuwirth. Heute leitet die Union ihre erste friedenserhaltende Mission in Makedonien. In Bosnien will sie bald das SFor-Kommando von der Nato übernehmen. Wenn in Brüssel trotzdem eher Ernüchterung herrscht, liegt auch das nicht an den Briten. "Soldaten haben wir genug", sagt man im militärischen Führungsstab der EU leicht resigniert. Doch die Wunschliste ist lang: Es fehlen Tankflugzeuge, Bodenüberwachungseinrichtungen, Präzisionsmunition, Transportmaschinen und so weiter und so fort. "Die Europäer tun wenig, um dieses Problem zu lösen", sagt Rüstungsexperte Daniel Keohane und erinnert an den Dauerzwist um das Transportflugzeug A400M. Dessen Beschaffung verzögerte sich durch das Taktieren der Bundesregierung. Ein vertrauliches Papier des französischen Verteidigungsministeriums, das Le Monde jüngst ausgrub, bescheinigt Europa eine "beunruhigende technische Entwaffnung".

General de Gaulle wäre entzückt