Man könnte es die Chuck-Taylor-Schule nennen. Die altmodischen Canvas-Turnschuhe gleichen Namens waren die bevorzugte Fußbekleidung der amerikanischen Independent-Szene, die Mitte der Achtziger gegen Rockstarwesen und Großplattenfirmen mobil machte. Sperrig und melancholisch war dieser Sound, auch - im Gegensatz zum britischen Doc-Martens-Punk - elitär und apolitisch. Eine Antimusik für grübelnde Uniabsolventen, die nur Hohn für die grölende Menge übrig hatte. Heute sind die meisten Vertreter dieser Gattung entweder ausgestorben oder werden als alternde Alibikünstler auf ansonsten kommerziellen Labels ausgestellt. Auf dem Cover von Summer Sun (Zomba/Matador OLE 548-2), dem elften Album von Yo La Tengo, aber sind immer noch ein Paar Chuck Taylors zu sehen: ein wenig verschwommen, doch ebenso unverändert wie die stoisch-schwermütige Stimme von Schlagzeugerin Georgia Hubley, die oft im Duett mit dem grantig murmelnden Frontman Ira Kaplan ertönt. Oder die dröhnende Orgel, wie sie seit Jahren Kaplans abwechselnd hallende und heulende Fender-Gitarre konterkariert.

Von der Wiederentdeckung des Lounge-Sounds bis hin zu der "soft is the new loud"-Philosophie jüngerer Bands - oft waren Yo La Tengo dem Popgeschehen einen Schritt voraus. Inzwischen neigt man zum Konservativen. Die Entwicklung besteht in der Konsolidierung eines Idioms, das sich in den bald zwei Jahrzehnten ihres Wirkens entwickelt hat. Das Experiment mit Bossa-nova-Rhythmen und ambientartigen Drum-Loops, schon auf den letzten beiden CDs angedeutet, wird fortgesetzt. Gerockt wird allerdings kaum noch, die Gitarren-Feedbacks treten nicht mehr als ausgedehnte Soli in den Vordergrund, sondern dienen den Arrangements. Anders als bei den vielen Gruppen, die neuerdings wieder in Turnschuhen eine "New Rock Revolution" ausrufen, formuliert sich der Independent-Gedanke nicht mehr aggressiv, sondern kontemplativ: Turnschuhträger brauchen mit Vierzig eben mehr Ruhe.

Das Überraschende an Summer Sun ist die Stimmung. Wie schon im Titel angedeutet, handelt es sich um ein durchaus sonniges Werk, das Brian Wilson ebenso Tribut zollt wie Brian Eno. Das Tears Are In Your Eyes des vorigen Albums gilt nicht mehr, jetzt heißt es Don't Have To Be So Sad, Today Is The Day oder Moonrock Mambo. Mit Season Of The Shark entdeckt das Ehepaar Kaplan/Hubley sogar den einfachen, lebensfrohen Pop wieder, den die beiden gelegentlich auf ihren allerersten Alben gemacht haben. Auch wenn diese Platte kein Stachel im Fleisch des Industrierocks mehr ist, besticht sie durch eine unerwartete - und für die Chuck-Taylor-Fraktion bestimmt befremdliche - Leichtigkeit.